
Dr. Wolfgang Schwanghart, Geomorphologe an der Universität Potsdam, erklärt, warum der Himalaya geologisch so besonders – und so gefährlich – ist. Im Interview spricht er über Erdbeben, Megastaudämme und warum Naturgefahren in Tibet oft unterschätzt werden. Ein Blick auf die Kräfte, die nicht nur Landschaften formen, sondern auch das Leben der Menschen in der Region für immer verändern können.
VON BENJAMIN WOOP
Was macht ein Geomorphologe? Und wie bist du zum Himalaya gekommen? Warum ist insbesondere Tibet aus geologischer Sicht so einzigartig?
Geomorphologinnen und Geomorphologen sind physische Geografen, die sich mit der Gestaltung und Veränderung der Erdoberfläche beschäftigen. Unser Interesse gilt vor allem den Prozessen, die unsere Erdoberfläche formen und verändern. Dazu gehören Erdbeben, aber auch die Erosion, Gletscher, Flüsse – und wie diese in die Landschaft formen.
Der Himalaya besteht aus äußerst markanten und extremen Landschaftsformen. Tibet ist eines der wenigen hochgelegenen Plateaus mit Höhen von über 4.000 Metern über dem Meeresspiegel. Da stellt sich die Frage: Wie ist diese Landschaft entstanden?
Bekannt ist, dass sich das Gebiet vor Millionen von Jahren durch die Kollision des indischen Subkontinents mit der eurasischen Platte aufgeschoben hat. Dabei entstand der Himalaya, das dahinterliegende Tibet-Plateau wurde mit angehoben. Der Himalaya ist allein aufgrund seiner enormen Höhe beeindruckend – mit Gipfeln, die bis über 8.000 Metern erreichen. Alle geomorphologischen Prozesse, die wir weltweit beobachten können, laufen dort in einer extremen Ausprägung und Geschwindigkeit ab.
Vieles ist in diesem Zusammenhang noch ungeklärt: Wann genau hat sich das Plateau gehoben? War es schon vor der Bildung des Himalaya in ähnlicher Höhe vorhanden?
Im Januar 2025 gab es ein Erdbeben in Shigatse mit einer Magnitude von 7,1 auf der Richterskala. Was genau bedeutet diese Zahl? Wie kann man sich das vorstellen? Die Zahl 7,1 bezeichnet die Magnitude des Erdbebens, gemessen auf einer logarithmischen Skala.
Das bedeutet: Mit jedem Schritt auf dieser Skala vervielfacht sich die freigesetzte Energie etwa um das 32-fache. Eine Magnitude von 7,1 ist also ein sehr starkes Erdbeben – etwas, das wir in Deutschland so noch nicht erlebt haben. Die Schäden sind in der Regel deutlich sichtbar. Aus geologischer Sicht lässt sich dieses Beben in den größeren tektonischen Kontext des Himalayas und des Tibet- Plateaus einordnen.
Die meisten Erdbeben in dieser Region treten an den Plattengrenzen auf – dort, wo die indische Platte unter die eurasische subduziert wird. In Tiefen von 10 bis 15 Kilometern kommt es dabei immer wieder zu heftigen Erschütterungen. Das Erdbeben vom 7. Januar war jedoch besonders: Es ereignete sich entlang einer Störung, die rechtwinklig zum Verlauf des Himalaya-Gebirges verläuft – also nicht direkt an der Plattengrenze. Solche Erdbeben sind seltener, können aber große Entlastungen in der Erdkruste auslösen.
Ist ein solches Erdbeben vorhersehbar – hinsichtlich des Zeitpunktes der Stärke und der möglichen Folgen wie Erdrutsche oder Überschwemmungen?
Eigentlich kaum. Die zentrale Frage ist: Was ist überhaupt eine „Vorhersage“? Aus seismologischer Sicht: Erdbeben können nicht wie das Wetter vorhergesagt werden – also nicht im Sinne von: „Zu dieser Uhrzeit, an diesem Ortwird ein Erdbeben passieren.“
Was wir jedoch machen können, ist anhand langfristiger Beobachtungen Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen und damit Risiken zu bewerten: In einem bestimmten Gebiet ist ein Ereignis mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in 50 oder 100 Jahren zu erwarten. Für dieses konkrete Erdbeben kann ich nicht sagen, wie hoch die prognostizierte Wahrscheinlichkeit war. Aber das wäre grundsätzlich möglich. Die Folgen von Erdbeben, insbesondere sekundäre Naturgefahren wie Erdrutsche oder Überschwemmungen, lassen sich noch schwerer vorhersagen.
Sie hängen vom Relief der Region ab. Je steiler das Gelände, desto eher kommt es zu Hangrutschungen, Felsstürzen oder Bergabgängen. Auch Gletschersee-Ausbrüche können durch Erdbeben ausgelöst werden. Das hängt davon ab, wie viel sogenannte Reliefenergie vorhanden ist und ob instabile Gletscherseen existieren. Der Himalaya weist sehr viele solcher Seen auf, es gibt schätzungsweise drei- bis viertausend davon. Gleichzeitig sorgen die hohen Hebungsraten in der Region für extrem steile Hänge, die bei Erschütterungen besonders anfällig für Rutschungen sind
Nun die Frage nach den Risiken durch geplante Megastaudämme. Warum gilt das Projekt Medog-Staudamm als so riskant?
Aus mehreren Gründen: Zum einen liegt das Gebiet in einer tektonisch sehr aktiven Region mit hoher seismischer Aktivität. In der Vergangenheit kam es dort bereits zu großen Hangrutschungen, die ganze Flüsse aufgestaut haben. Dabei entstanden sogenannte Outburst Floods, also plötzliche, extreme Flutwellen. Zweitens befindet sich Medog in der Namche-Barwa-Syntaxis ganz im Osten des Himalaya.
Ganz im Westen des Himalaya gibt es eine zweite Syntaxis (ein Gebiet in einem Gebirge, in dem sich die vorherrschende Ausrichtung abrupt ändert), die Nanga-Parbat-Syntaxis. Diese beiden Regionen gehören zu den sich am schnellsten hebenden Gebieten weltweit und weisen die höchste geomorphologische Aktivität auf. Alle Prozesse, die die Erdoberfläche verändern, verlaufen hier besonders intensiv.
Das bedeutet, wir haben es mit extremen Naturgefahren zu tun. Sollte es – auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist – zu einem Dammbruch kommen, wären die Folgen flussabwärts verheerend. Hinzu kommen geopolitische Aspekte: Der Fluss Yarlung Tsangpo fließt weiter nach Indien und Bangladesch. Die Region ist politisch sensibel, die Grenze zwischen Indien und China ist nicht international anerkannt – es gibt nur die sogenannte „Line of Actual Control“, die sich immer wieder verschiebt. China könnte durch die Regulierung des Flusses potenziell politischen Druck auf Indien und Bangladesch ausüben.
Was kann man denn aus solchen Ereignissen lernen, um zukünftige Projekte besser vorzubereiten?
Ich bin zunehmend der Überzeugung, dass man in diesen hochgelegenen Regionen eigentlich keine weiteren Wasserkraftprojekte mehr realisieren sollte. Natürlich ist es verlockend: Es gibt viel Wasser, relativ verlässliche Gletscherabflüsse und steile Flüsse – ideale Voraussetzungen für die Energiegewinnung. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass Naturgefahren in ihrer Häufigkeit und Intensität oft unterschätzt werden. Unter solchen Risiken zahlen sich Investitionen nicht immer aus. Hinzu kommt, dass diese Projekte für die lokale Bevölkerung häufig keinen langfristigen Nutzen bringen.
Zwar wird mit Arbeitsplätzen geworben, doch diese entstehen meist nur während der Bauphase. Danach bleibt oft wenig zurück. Die Menschen verlieren Land durch Überschwemmungen, kulturelle Güter gehen verloren. Besonders in Tibet wurde das durch Studien wie die der International Campaign for Tibet deutlich gemacht. Auch der ökologische Schaden ist erheblich und steht häufig in keinem Verhältnis zum wirtschaftlichen Nutzen.

Das Interview mit Dr. Wolfgang Schwanghart basiert auf einer redaktionell überarbeiteten und gekürzten Zusammenfassung des Gesprächs aus unserem Podcast „Brennpunkt Tibet“. Der Podcast erscheint monatlich und bietet spannende Einblicke in aktuelle Themen rund um Tibet mit wechselnden, hochkarätigen Interviewpartner*innen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft.
Last modified: 7. August 2025
