
Immer mehr Staaten dehnen ihre Kontrolle über die eigenen Grenzen hinaus aus, um Kritiker*innen auch im Ausland zum Schweigen zu bringen. Transnationale Repression ist kein Randphänomen, sondern ein globales Problem, das zeigt, wie Staaten systematisch Einfluss über ihre Grenzen hinweg sichern – und dabei Exilierte, Aktivist*innen und ganze Gemeinschaften unter Druck setzen.
Von Ralph Weber und Shrey Kapoor
Es ist der Frühling des Jahres 2022. In Zürich erhält die tibetische Aktivistin Chime P. eine WeChat-Nachricht von ihrer Mutter in Tibet. Die zittrige Stimme in der Sprachnachricht lässt erahnen, dass jemand mithört. „Denk an deine Zukunft“, sagt die Mutter mit unnatürlicher Betonung. Wochen später meldet sich ein tibetischer Mitarbeiter des chinesischen Konsulats direkt bei Chime. Er kenne ihre Situation, sagt er, und könne bei der Visavergabe helfen. Man müsse sich nur ab und zu austauschen – über Vereinsaktivitäten, geplante Demonstrationen, nichts Großes. Sie willigt widerstrebend ein und erhält tatsächlich ein Visum. Nach ihrer Rückkehr aus Tibet folgen weitere Anrufe: „Du warst ja jetzt bei deiner Mutter. Jetzt schuldest du uns auch etwas.“
Was als einmaliger Gefallen begann, wird zur dauerhaften Erpressung. Gerade diese Vermischung von familiären Bindungen und konsularischen Avancen, so berichten uns mehrere Betroffene, sei sehr zermürbend. Eine Befragte bringt es auf den Punkt: „Man weiß nie, ob Bruder, Schwester oder Cousin involviert ist.“ Ein anderer ergänzt: „Wer mit dem Konsulat verkehrt und problemlos reisen kann – bei dem weiß man nie genau, welchen Preis er dafür zahlt.“
Transnationale Repression bezeichnet die Strategien und Handlungen, mit denen Staaten versuchen, außerhalb ihrer Grenzen auf eigene Staatsbürger, deren oft eingebürgerte Nachkommen und weitere affiliierte Personen und Netzwerke einzuwirken. Ähnliche Ereignisse beschreiben mehrere Befragte im Rahmen unserer Studie, die wir am Europainstitut der Universität Basel durchgeführt haben. Sie sind keine Ausnahmen, sondern Teil eines wiederkehrenden Musters: Visa werden als Hebel eingesetzt, familiäre Bindungen instrumentalisiert und digitale Nachrichtensender genutzt, um Druck zu erzeugen. Im Rahmen unserer Studie haben wir weit über hundert global berichtete, die tibetischen und uigurischen Gemeinschaften betreffende Fälle im Detail studiert.
Oft geht es um dieselbe Botschaft: Kooperation wird belohnt, Widerstand bestraft. In der bestehenden Fachliteratur und zunehmend auch in der Politik (etwa in Parlamenten oder Behörden) werden diese Phänomene als transnationale Repression bezeichnet. Eine Definition könnte etwa lauten: Transnationale Repression bezeichnet die Strategien und Handlungen, mit denen Staaten versuchen, außerhalb ihrer Grenzen auf eigene (und auch ehemalige) Staatsbürger, deren oft eingebürgerte Nachkommen und weitere affiliierte Personen und Netzwerke einzuwirken. Insbesondere kritische oder wirkungsvolle Stimmen zu kontrollieren, einzuschüchtern oder im Extremfall zu eliminieren, oder aber auch, insoweit möglich, unter Druck für ihre Zwecke einzuspannen. Besagte Studie wurde im Auftrag des Bundesamtes für Justiz und des Staatssekretariats für Migration verfasst und im Februar 2025 vom Schweizer Bundesrat zusammen mit einem eigenständigen, auf der Studie basierenden Regierungsbericht veröffentlicht.
Unsere Forschung, die zusammen mit Selina Morell (heute bei Voices) und Barbara von Rütte (heute an der Universität Bern) durchgeführt wurde, zeigt erstmals umfassend, wie derartige Prozesse in der Schweiz stattfinden und wirken. Über ein Jahr hinweg führten wir 57 Interviews (rund 85 Stunden transkribiertes Tonmaterial), sammelten Dokumente und rekonstruierten Fälle. Das Ergebnis ist ein detailliertes Bild transnationaler Repression, das weit über Einzelschicksale hinausweist.
Eine 360-Grad-Sicht des Phänomens
Etwa 7.500 Tibeterinnen und Tibeter leben in der Schweiz. Das ist neben Frankreich wohl die größte tibetische Exilgemeinschaft in Europa. Dazu kommen zahlreiche Menschen und Institutionen, die sich mit Tibet befassen und teils seit langem engagieren und die wir in unserer nicht-ethnischen Definition von „tibetischer Gemeinschaft“ miteinschließen. Die Schweiz gilt international als stabiler Rechtsstaat mit langer humanitärer Tradition. Auch für die tibetische Gemeinschaft war sie jahrzehntelang ein relativ sicherer Hafen. Doch unsere Studie zeigt: Dieser Schutzraum kann zugleich auch Schauplatz von Repression sein – offensichtlich wie im eingangs aus mehreren Aussagen zusammengeschusterten Illustrativfall, zuweilen auch subtil und daher schwieriger zu fassen.
Die offensichtlichen Formen sind vielfältig: Bei Demonstrationen wird fotografiert und gefilmt, Vereinsmitglieder erhalten anonyme Anrufe oder Drucknachrichten, Webseiten tibetischer Organisationen werden Ziel von Cyberangriffen, gar physische Übergriffe sind vereinzelt dokumentiert. All dies schafft ein Umfeld, in dem politisches oder auch nur soziales Engagement zum Risiko werden kann und sich selbst im privaten Umfeld Misstrauen einschleicht. Und genau hier öffnen sich Räume für subtilere Formen transnationaler Repression, für Graubereiche oder auch für Spaltungen innerhalb der betroffenen Gemeinschaft, die der Urheber der Repression gezielt befördern oder ausnutzen kann. Manchmal reichen die von Beijing ausgehenden Handlungen für die volle Wirkung dieser repressiven Dynamiken nicht aus.
Das Verhalten lokaler Akteure, von der tibetischen Gemeinschaft bis zu Schweizer Behörden, ist dann ebenfalls von konstitutiver Bedeutung. Fälle in der Studie zeigen, dass etwa bei Staatsbesuchen behördliche Maßnahmen ergriffen wurden, die die Ausübung von Grundrechten von mit Tibet Sympathisierenden beschränkt, gar wohl beschnitten haben. Etwa die amtliche Entfernung tibetischer Fahnen aus privaten Räumlichkeiten ist dokumentiert. Hinter all dem verbirgt sich kaum gezielte Repression seitens der Behörden, sondern letztlich einfach ein Effekt einer Schweizer Chinapolitik, die Wirtschaftsinteressen großes Gewicht zuschreibt und insoweit Kollateralschäden zu akzeptieren willens ist.
Das generelle bilaterale Verhältnis kann im Effekt für einzelne Personen spürbare Repression herbeiführen, ganz ohne spezifischen, wie auch immer rekonstruierbaren ursächlichen Wirkungszusammenhang. Was von Behörden als pragmatische Entscheidung verstanden wird, liest die Gemeinschaft als Signal: Die eigenen Rechte sind verhandelbar, wenn es um Beziehungen zur Volksrepublik China (VR China) geht. Über Jahre hinweg summieren sich solche Episoden zu einer Erfahrung struktureller Einschränkung – einer schleichenden Erosion von Grundrechten, die ein für manche schon bestehendes Klima der Angst zusätzlich befördert.
TNR bedarf einer erweiterten Sicht, um ihre Komplexität zu verstehen. Wie verändert sich eine Gemeinschaft, wenn Repression nicht nur aus Beijing kommt, sondern über Familien, Vereine und das Handeln des Gaststaates transportiert oder erst ausgelöst wird?
Oft werden in Diskussionen zur transnationalen Repression klare und möglichst schwerwiegende Fälle thematisiert. Von ihnen verspricht man sich Aufmerksamkeit und Interesse der Adressaten und die gewünschte Reaktion. Das ist an sich verständlich. Ein Kernpunkt unserer Studie ist jedoch die Erkenntnis, dass das Phänomen transnationaler Repression einer stark erweiterten 360-Grad-Sicht bedarf, nicht nur, um seine Komplexität zu begreifen, sondern um letztlich auch seine Wirkungsweise und deren Folgen zu verstehen. Wie verändert sich etwa eine Gemeinschaft, wenn Repression nicht einfach nur aus Beijing kommt, sondern über Familien, Vereine und das Handeln des Gaststaates transportiert oder erst ausgelöst wird?

(Grafik der Organisation Freedom House)
Sonderfall Schweiz
Tibetische Präsenz in der Schweiz reicht bis in die frühen 1960er-Jahre zurück. In diesen Jahren nahm die Schweiz vom Bund unterstützt und über Privatinitiativen und Vereine vermittelt, als erstes europäisches Land zahlreiche tibetische Flüchtlinge auf, darunter viele Familien und Kinder. Es entwickelte sich eine beständige Gemeinschaft, die in den folgenden Jahrzehnten eigene Vereine, religiöse Zentren und kulturelle Strukturen aufbaute.
Dies ging einher mit weiterer Immigration von Tibetern und Tibeterinnen. Soziologisch lassen sich grob drei Zeiträume und Gruppenprofile unterscheiden: Die eben erwähnte erste Gruppe kam hauptsächlich als Flüchtlinge in die Schweiz und war – teils aus privilegierten Schichten stammend, teils in Schweizer Pflegefamilien platziert – wirtschaftlich eher bessergestellt oder fand anderweitig rasch Zugang auf den Arbeitsmarkt (etwa in der Firma Kuhn Rikon). Die nächste Generation, die ab den 1980er-Jahren in die Schweiz kam, hatte oft bereits Verwandte in der Schweiz und profitierte vom Familiennachzug. Tibeter und Tibeterinnen aus diesen ersten zwei Phasen sind im Allgemeinen „gut integriert“ und sprechen häufig fließend die vor Ort gängige Landessprache.
Mitglieder der Gruppe, die im Zuge der dritten Migrationswelle in den 2000er-Jahren in die Schweiz gekommen sind, erleben einen gewandelten, aus ihrer Sicht restriktiveren Asylkontext. Viele erhalten kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Sie sind tendenziell weniger gut integriert, verständigen sich primär auf Tibetisch, teilweise auch auf Hindi und Englisch, und leben, anders als die früheren Generationen, entsprechend teils in prekären Verhältnissen. Schon aus diesen Gruppenprofilen heraus lassen sich Unterschiede erkennen, die für das Verständnis der oft weiterhin homogen wahrgenommenen tibetischen Gemeinschaft, nicht zuletzt auch mit Blick auf transnationale Repression, bedeutsam sind.
Insgesamt verfügt die tibetische Gemeinschaft heute in der Schweiz über ein dichtes institutionelles Netz – von lokalen, nationalen und transnational gut verknüpften Vereinen und Jugendorganisationen bis hin zu religiösen Schulen und Klöstern. Auch die Exilregierung im indischen Dharamsala ist über das Tibet Office in Genf und die Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein (TGSL) gut repräsentiert. Die beträchtliche Größe der Gemeinschaft hat nicht nur die Entstehung eines vielfältigen Vereinslebens ermöglicht, sondern auch die Sichtbarkeit tibetischer Anliegen im öffentlichen Raum verstärkt, von Kulturveranstaltungen bis zu politischen Demonstrationen.
Die große Mehrheit anerkennt und verehrt den Dalai Lama als religiösen Führer, während politische Wunschvorstellungen die Zukunft Tibets betreffend teilweise beträchtlich auseinandergehen können. Gleichzeitig gelten die schweizerisch-chinesischen Beziehungen als eher gut. Die Schweiz anerkannte als eines der ersten westlichen Länder im Januar 1950 die VR China und pflegt seit nunmehr gut vier Jahrzehnten immer engere wirtschaftliche Verbindungen. Die Schweiz wird deshalb häufig als Land wahrgenommen, das zwischen zwei Polen schwankt: dem Anspruch, sich gegen Menschenrechtsverletzungen und für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu positionieren, und dem Interesse, möglichst gute Beziehungen zu einem zentralen Wirtschaftspartner zu bewahren. Genau in diesem Spannungsfeld entfalten sich die Strategien transnationaler Repression mit besonderer Schärfe.
Hier prallen Schutzraum und Einflussnahme unmittelbar aufeinander, und hier lassen sich Dynamiken beobachten, die mutatis mutandis auch für andere europäische Länder von Bedeutung sein können. Dazu kommt die spezielle Position der Schweiz mit dem internationalen Genf, vor allem angesichts des dortigen Sitzes der Vereinten Nationen. Bekannt ist der Fall eines tibetischen Exilpolitikers, der am Eingang zum Palais des Nations mehrere Stunden festgehalten und nicht zu der Sitzung des UN-Menschenrechtsrates gelassen wurde, angeblich auf Veranlassung der Mission der VR China in Genf hin. Im Nachgang zu unserer Studie hat sich die Tribune de Genève (28.04.2025) in Rahmen einer internationalen Kampagne speziell dem internationalen Genf als Ort transnationaler Repression gewidmet.
Insoweit bei den hier besprochenen Praktiken auch chinesische Nachrichtendienste eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen, erhält Genf als Stadt, die historisch und bis heute oft mit Spionage in Verbindung gebracht wird, eine zusätzliche Sonderstellung.
Die KPCh setzt alles daran, unsere uralte Kultur auszulöschen.
Ausmaß und Ausprägung transnationaler Repression in der Schweiz
Zentral bei unserer Studie war die Frage der Grundrechtsausübung. Der Auftrag: Evidenzgrundlagen darzubringen, inklusive einer Übersicht relevanter Ereignisse, wobei die Schweizer Behörden nebst möglichen Eingriffen in die Grundrechte auch die systematische Druckausübung durch chinesische oder andere Akteure in der Schweiz interessiert hat. Von Bedeutung waren zudem der Prozess, die Modalitäten und das feststellbare Ausmaß. An der gewählten wissenschaftlichen Herangehensweise ist vielleicht besonders, dass viel Wert gelegt wurde auf die Triangulierung der bereits bekannten Fälle mit Experten- und Betroffeneninterviews und einer detaillierten Urheberanalyse, d.h. einer institutionellen Analyse der für die mit transnationaler Repression verbundenen Aktivitäten zuständigen Einheiten. Im Resultat wurden für zehn Formen transnationaler Repression Wahrscheinlichkeitsniveaus angegeben. Die sichtbarsten Mechanismen, die wir dokumentiert haben, betreffen genau diese Ebene.
Visa werden als Druckmittel eingesetzt: Wer sich politisch engagiert, weiß, dass ein Antrag kaum Aussicht auf Erfolg hat. Eine Befragte beschreibt ihre Ohnmacht: „Ich als Schweizerin in diesem Land kann einen Antrag stellen, aber der wird einfach abgelehnt. Das ist natürlich eine Rieseneinschränkung und in dem Sinn auch eine Ungerechtigkeit, für die man sich aber bei gar niemandem beklagen gehen könnte“. Wer dennoch reisen will, wird mit Loyalitätsforderungen konfrontiert – man müsse einen „Fackel“ unterschreiben, „dass sie sich hier nicht mehr öffentlich kundtun gegen China.
Sie müssen sich gegen die Gefolgschaft vom Dalai Lama aussprechen, also sie müssen eigentlich sagen ‚Ja, der Dalai Lama ist ein Spalter der Einheit‘“. Nach einer Rückkehr hört der Druck nicht auf: Betroffene werden „jetzt ständig angerufen und aufgefordert, irgendwelche Informationen über andere Tibeter hier in der Schweiz preiszugeben“.

Bei Kundgebungen wird oft fotografiert. Ein Befragter erklärt: „Man geht, um ein Visum zu verlangen, und sie können zeigen: ‚Du hast demonstriert‘“. Eine Aktivistin schildert ihre Erfahrung: „Da war es zum ersten Mal wirklich, vom Gefühl her wie bedroht […] ich habe das Recht zu demonstrieren und muss nicht von dem Land, das uns quasi besetzt, jetzt hier auf dem Boden, wo ich stehe, beobachtet werden». Die Bilder landen teils bei Verwandten in Tibet – diese werden „auf den Polizeiposten bestellt, damit sie ausrichten sollen, der Sohn soll ein wenig ruhiger sein“. Im digitalen Raum herrscht ähnliche Überwachung: „WeChat und Tiktok werden stark überwacht“, bestätigt ein Gemeinschaftsmitglied. Die Gesellschaft Schweizerisch- Tibetische Freundschaft (GSTF) dokumentierte allein an einem Tag im Juli 2021 innerhalb von zehn Minuten 1391 Cyberattacken auf ihre Homepage.
Hinzu kommen direkte Drucknachrichten – bedrohliche Anrufe, SMS oder Mitteilungen über Familienaccounts – sowie vereinzelte Fälle physischer Gewalt, wie beim Basler Mondfest 2014, als sich verdeckt operierende Botschaftsmitarbeiter auf tibetische Demonstranten warfen und ihre Plakate zerrissen. Es müssen aber nicht gleich Botschaftsmitarbeiter sein. Die repressiven Praktiken werden oft auch von Akteuren umgesetzt, die im Auftrag oder im Sinne der Kommunistischen Partei Chinas beziehungsweise der VR China handeln – sei es über offizielle diplomatische Kanäle, über Vereinigungen oder über Einzelpersonen, die in die Gemeinschaft eingebettet sind. Für viele Tibeterinnen und Tibeter entsteht dadurch das Gefühl, auch im Gastland nicht vollständig geschützt zu sein.
Unsere Studie stellt insgesamt fest, dass tibetische und uigurische Gemeinschaftsmitglieder in der Schweiz „mit einer hohen Wahrscheinlichkeit“ systematisch von Akteuren der VR China überwacht, bedroht und kooptiert werden. Sie zeigt zudem, dass nicht nur individuelle Handlungen, sondern teils auch die bloße Zugehörigkeit zur tibetischen oder uigurischen Gemeinschaft Grund genug dafür sein kann, Ziel von Druckausübung zu werden.
Von sichtbaren Mechanismen zu subtilen Wirkungen
Was sollte deiner Meinung nach die internationale Gemeinschaft tun, um diesen Menschen wirksam beizustehen und sicherzustellen, dass sie die notwendige Unterstützung und den Schutz erhalten?
Die beschriebenen Mechanismen sind nur die Oberfläche. Ihre umfassende Wirkung entfaltet transnationale Repression im Inneren der Gemeinschaft – dort, wo Vertrauen, Nähe und Solidarität auf dem Spiel stehen. Ein Schlüssel dazu sind zwei weniger sichtbare Praktiken: Flüchtlingsspionage und Kooptierung. Unter Flüchtlingsspionage versteht man die gezielte Anwerbung von Geflüchteten, die sich in der Schweiz nur provisorisch aufhalten und deshalb in einer prekären Lage leben. Viele besitzen lediglich einen sogenannten F-Ausweis – sie dürfen bleiben, sind aber rechtlich und ökonomisch verletzlich. Genau das macht sie anfällig für Druckversuche.
Oft dient die Familie in Tibet als Hebel: Wer nicht kooperiert, riskiert, die Angehörigen nie mehr zu sehen oder ihnen zu schaden. Befragte erzählten uns von Geflüchteten, die nach Kontakten zu „Geheimdienstleuten“ auffallend plötzlich über Geldmittel verfügten, mit teurer Kameraausrüstung bei allen Demonstrationen auftauchten oder sogar nach Tibet reisen konnten – ein Privileg, das anderen systematisch verwehrt bleibt. Offiziell lässt sich schwer beweisen, wer für wen arbeitet, doch die Muster sind klar genug, dass viele in der Gemeinschaft überzeugt sind: Flüchtlingsspionage findet statt. Für die Betroffenen selbst heißt das: Sie werden unter Druck gesetzt, sind damit, wenn also nicht (nur) finanzielle Anreize ausschlaggebend sind, Opfer – und wirken zugleich als Täter, indem sie andere überwachen. Kooptierung funktioniert anders: Hier geht es um Menschen mit gesichertem Status und guten Netzwerken, die vor allem durch die Aussicht auf Vorteile gebunden werden. Besonders sichtbar ist dies im Fall einer aus Tibet stammenden Unternehmerfamilie mit Schweizer Pass.
TNR wirkt in den Zwischenräumen: Sie macht aus Einzelnen Opfer und Mitwirkende, verwandelt Loyalitäten in Verdacht und erodiert das Vertrauen, das eine Exilgemeinschaft zusammenhält.
Sie konnten in Tibet lokale soziale Projekte verfolgen und auch Geschäfte betreiben – etwas, das ohne grünes Licht der Behörden kaum möglich ist. Im Gegenzug traten sie in der Schweiz wiederholt als Fürsprecher chinesischer Positionen auf, etwa indem sie öffentlich die tibetische Exilführung in Frage stellten oder pro-chinesische Narrative verbreiteten. In Leserbriefen kritisierten sie zudem Aktionen junger Tibeter als kontraproduktiv.
Die Exilregierung in Dharamsala wurde als realitätsfremd abgetan. Für viele in der Gemeinschaft sind sie dadurch zum roten Tuch geworden, zu Lakaien des chinesischen Parteistaates, zu illoyalen Profiteuren. An ihrem Fall lässt sich aber auch gut die Ambivalenz von Kooptierung zeigen: Handeln sie aus Opportunismus? Weil sie überzeugt sind, im Großen und Ganzen etwas Gutes für Tibet zu bewirken? Oder schlicht aus Anpassung an eine Realität, die man nicht umgehen kann? Genau diese Grauzonen machen die Situation so zersetzend. Kooptierung ist kein klarer Status: Manche arrangieren sich minimalistisch, andere versuchen, Vorteile maximal auszuschöpfen. Wieder andere verbinden tatsächlich beide Seiten – sie leisten Aufbauarbeit für Tibet und stehen gleichzeitig in engem Kontakt zum Konsulat.
In der Wahrnehmung der Gemeinschaft verschwimmen diese Unterschiede. Wer eng mit Botschaft oder Konsulat verkehrt, steht rasch unter Verdacht, „die Seite gewechselt“ zu haben. Die Folge ist eine Atmosphäre des Verdachts. Fast alle Befragten waren überzeugt, dass in den Vereinen gespitzelt wird – harte Beweise gab es selten. Aber schon die Vermutung reicht, um Nähe in Gefahr zu verwandeln. Familien fragen, warum jemand problemlos reisen kann. Vereine führen keine Protokolle mehr, Handys bleiben draußen, Treffen werden kleiner.
Damit wird sichtbar, wie TNR in den Zwischenräumen wirkt: Sie macht aus Einzelnen zugleich Opfer und Mitwirkende, verwandelt Loyalitäten in Verdacht und erodiert das Vertrauen, das eine Exilgemeinschaft zusammenhält.
Spaltungen und Entpolitisierung
Die Atmosphäre des Verdachts bleibt nicht folgenlos. Sie trifft auf eine Gemeinschaft, die schon lange von Spannungen geprägt ist – zwischen älteren Exilgruppen und Neuankömmlingen, zwischen unterschiedlichen politischen Strömungen und zwischen den verschiedenen Herkunftsregionen. Alt-Exil und Neuankömmlinge bringen unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen mit. Viele aus den früheren Migrationswellen sind etabliert, haben gesicherte Papiere und feste Strukturen. Neuere Geflüchtete dagegen leben oft in schwierigen Verhältnissen und sind stärker von ihrem Aufenthaltsstatus abhängig.
Genau das macht sie verletzlich – und für andere zugleich verdächtig. Wer plötzlich reisen darf oder auffällig Geld hat, gerät rasch ins Gerede. So entstehen Bruchlinien, die über Jahre immer sichtbarer werden. Auch in den politischen Institutionen des Exils spiegeln sich diese Spannungen wider. Besonders heftig waren die Debatten um die Repräsentation im tibetischen Exilparlament, als der amtierende Sikyong Penpa Tsering und sein Vorgänger Lobsang Sangay öffentlich Konflikte austrugen. In der Schweiz führten diese zu hitzigen Diskussionen in Vereinen, zu Spaltungen in Chatgruppen bis hin zu Drohungen. Einige Befragte vermuteten, dass gerade dort, wo die Lager besonders verhärtet waren, auch Akteure mit engen Kontakten zum Konsulat mitmischten – und für ihre Rolle prompt Reiseerleichterungen erhielten.
Viele Gemeinschaftsmitglieder erzählten uns zudem von einer schleichenden Entpolitisierung. Nach den Jahren der vielen Selbstverbrennungen in Tibet, die ein Gefühl von Dringlichkeit erzeugt hatten, folgte Ernüchterung. Internationale Resonanz blieb aus, Frustration machte sich breit. „Der Nährboden war plötzlich weg“, sagte eine Befragte. Vereine, die früher mit klaren politischen Inhalten auftraten, haben teils an Kraft verloren, während interne Machtkämpfe und persönliche Anfeindungen zugenommen haben. Transnationale Repression wirkt hier als Brandbeschleuniger. Sie verschärft vorhandene Konflikte, befördert Verdächtigungen und schwächt kollektive Strukturen.
Was als innergemeinschaftliche Auseinandersetzung beginnt, verwandelt sich in ein Muster, das die gesamte Exilpolitik untergräbt. Am Ende bleibt oft das Gefühl, dass Engagement gefährlich ist – und Rückzug die einzige Sicherheit bietet.

Klima der Angst
All diese Dynamiken kulminieren in einem generellen Klima der Angst, das weit über einzelne Vorfälle hinausgeht. Es ist keine Angst, die sich immer an einem konkreten Ereignis festmachen ließe – vielmehr ein Grundgefühl, das sich in den Alltag einschleicht, zeitweise in den Hintergrund tritt, um dann wieder virulent zu werden. Viele Gemeinschaftsmitglieder sagten uns, dass sie sich selbst in der Schweiz nie wirklich frei fühlten. Die Sorge um die Familie in Tibet bleibt der stärkste Hebel: Jede politische Handlung hier könnte dort Folgen haben. Manche erzählten, dass sich Verwandte bewusst distanzieren, weil sie Angst vor Konsequenzen hätten. „Mir geht es nur gut, solange es meinen Liebsten gut geht“, sagte eine Befragte. Diese Angst äußert sich unterschiedlich. Einige bleiben trotz allem politisch aktiv – aber mit dem Bewusstsein, dass sie viel riskieren.
Andere ziehen sich zurück: Sie beantragen gar kein Visum mehr, sie meiden Vereine oder halten Abstand von Aktivisten und Aktivistinnen, um nicht selbst ins Visier zu geraten. Wieder andere sagten uns, sie hätten die Angst verloren – nicht aus Sicherheit, sondern aus rationalisierter Verzweiflung: „Ich habe nichts mehr zu verlieren.“ Dieses Klima der Angst reicht dabei weit über die Gemeinschaft hinaus. Auch Schweizer Arbeitgeber oder Forschungseinrichtungen überlegen, ob sie mit tibetischen Partnern zusammenarbeiten – aus Sorge, damit Geschäfte oder Kooperationen mit China zu gefährden. Selbst dort, wo es keine direkte Drohung gibt, wirkt der Abschreckungseffekt: Man spricht weniger, man handelt weniger, man schweigt. Genau das macht die Angst so wirksam.
Sie zwingt niemanden direkt zum Schweigen – aber sie schafft eine Atmosphäre, in der Schweigen zur vernünftigen Option wird. So wird das Klima der Angst selbst zu einem Instrument der Repression: Es frisst sich in Familien, in Vereine, in ganze Netzwerke hinein – und untergräbt von innen das Vertrauen, auf dem kollektives Handeln beruht.
Auch ohne direkte Drohung wirkt der Abschreckungseffekt von TNR: Man spricht weniger, man handelt weniger, man schweigt. Genau das macht die Angst so wirksam.
Fazit
Transnationale Repression entfaltet ihre Wirkung nicht allein über spektakuläre Einzelfälle. Sie funktioniert als System, das durch Grauzonen, Spaltungen und den jeweiligen Kontext des Gastlandes tief in den Alltag von Exilgemeinschaften hineinwirkt. Wer ihr nur mit schnellen, publikumswirksamen Gesetzesentwürfen entgegentritt, verfehlt den Kern. Entscheidend ist, diese feinen Mechanismen mitzudenken – auch weil sie in Deutschland und anderswo in Europa in jeweils spezifischer Konfiguration auftreten.
In der Schweiz hat die Veröffentlichung des Regierungsberichtes und unserer Studie eine Reihe weiterer Recherchen und politischer Initiativen ausgelöst. Das Parlament hat nicht lockergelassen. Die Regierung kündigte an, transnationale Repression künftig in den Menschenrechtsdialogen mit der VR China zu thematisieren. Diskutiert wird eine Meldestelle für Betroffene sowie ein regelmäßiger Dialog mit Diasporagruppen. Seit September 2025 gibt es zudem eine zentrale Ansprechperson für Fragen transnationaler Repression. Wichtig ist dabei aus unserer Sicht, dass nicht nur gravierende Fälle im Blick bleiben, sondern auch die subtilen Formen, bei denen etwa das Gastland selbst zum Verstärker wird – und die in den betroffenen Kreisen oft große Spuren hinterlassen.
Für die Schweiz, und vielleicht auch für Deutschland ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: eine eindeutige Positionierung gegen transnationale Repression, und zwar nicht nur, was selbstverständlich sein sollte, gegenüber der VR China, sondern auch im eigenen Umgang mit Diaspora-Gemeinschaften. Konkret bedeutet das: systematische Erfassung von Fällen, spezialisierte Ansprechstellen bei Sicherheitsbehörden und vor allem die Sensibilisierung lokaler Behörden, die oft als erste mit dem Phänomen konfrontiert sind – sei es bei Demonstrationsgenehmigungen, Kulturveranstaltungen oder der Zusammenarbeit mit Diasporavereinen.
Darin liegt eine Spannung, die wir ernst nehmen müssen: Exilgemeinschaften leben von Kohäsion und Loyalität, doch eine Demokratie garantiert zugleich die Freiheit, auch unliebsame oder prochinesische Positionen vertreten zu dürfen. Die Trennlinie verläuft dort, wo freie Meinungsäußerung in konkrete Handlungen übergeht, die Teil der Repressionspraxis werden – etwa Drohungen, Bespitzelung oder Kooptierung.
Gerade deshalb braucht es eine Politik, die sowohl Freiheiten schützt als auch klare Grenzen setzt, wo Komplizenschaft mit Repression beginnt. Die Schweizer Erfahrung zeigt: Ohne diese Balance riskiert man, entweder die Gemeinschaften im Stich zu lassen oder demokratische Grundwerte zu untergraben.

Ralph Weber ist Professor für European Global Studies an der Universität Basel. Arbeitsschwerpunkte sind u.a. transgressive politische Aktivitäten des chinesischen Parteistaates im Ausland sowie Ideologie und Organisation der KPCh.

Shrey Kapoor ist Oberassistent für Politikwissenschaft und European Global Studies an der Universität Basel sowie in Moderner Indologie an der Universität Zürich. Er forscht zu Gewalt, Hindu-Nationalismus und transnationaler Repression mit Fokus Südasien.
Last modified: 9. Dezember 2025
