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Leben zwischen Teppichen, Erinnerungen und Zukunftsplänen

01/2026 • Brennpunkt Tibet • Verschiedenes

21. April 2026

Ein Einblick in das Tibetan Refugee Self-Help Centre in Darjeeling

Der Artikel beschreibt das Tibetan Refugee Self-Help Centre in Darjeeling als selbstorganisierte Gemeinschaft tibetischer Geflüchteter, in der Arbeit, besonders die Teppichweberei, eng mit kultureller Bewahrung verbunden ist. Er zeigt zugleich die Herausforderungen durch Alterung, Isolation und unsichere Zukunftsperspektiven des Centres.

VON JULIA VERBEEK

Mein Interesse an Flucht- und Migrationsforschung sowie frühere Berührungspunkte mit Tibet führten mich im Sommer 2023 für mehrere Wochen ans Tibetan Refugee Self-Help Centre (TRSHC) in Darjeeling, Nordindien. Im Rahmen meiner Masterarbeit untersuchte ich, wie tibetische Geflüchtete im Exil ihr Leben zwischen Arbeit, kultureller Bewahrung und Zukunftsvorstellungen gestalten und welche Rolle Arbeit, insbesondere die Teppichweberei, dabei spielt. Das Tibetan Refugee Self-Help Centre wurde am 2. Oktober 1959 gegründet, wenige Monate nach der Flucht des 14. Dalai Lama aus Tibet. Initiatorin war Deky Dolkar Thondup, die Ehefrau von Gyalo Thondup, dem älteren Bruder des Dalai Lama. Vor dem Hintergrund der Ankunft tausender Tibeter*innen im indischen Exil verfolgte das Centre von Beginn an das Ziel, durch Selbsthilfe eine selbstständige, langfristige Existenz im Exil zu ermöglichen. Es handelt sich nicht um ein klassisches Flüchtlingslager, sondern um eine selbstständige tibetische Siedlung.

Diese liegt etwas außerhalb des touristischen Zentrums von Darjeeling und ist räumlich klar abgegrenzt. Innerhalb des Geländes leben und arbeiten ausschließlich Tibeter*innen, viele von ihnen seit mehreren Jahrzehnten. Im Vergleich zu anderen tibetischen Siedlungen in Indien ist das TRSHC stark nach innen orientiert. Es ist organisatorisch weitgehend eigenständig und nicht in die Verwaltungsstrukturen der tibetischen Exilregierung eingebunden. Gleichzeitig bestehen nur geringe soziale Kontakte zur umliegenden Bevölkerung Darjeelings. Diese Abgrenzung nach innen und nach außen schützt die Gemeinschaft, führt jedoch auch zu einer ausgeprägten räumlichen und sozialen Isolation.

Während das Centre in seiner Hochphase mehreren tausend Menschen Schutz und Arbeit bot, leben heute nur noch rund fünfzig Familien sowie etwa zwanzig dauerhaft beschäftigte Personen dort. Der Großteil der Bewohner*innen ist über sechzig Jahre alt, einige sind deutlich älter. Neue Zuzüge bleiben aus, die Bevölkerung altert, und jüngere Generationen bauen sich tendenziell ein Leben außerhalb der Siedlung auf. Diese demografische Struktur prägt den Alltag ebenso wie die Zukunftsperspektiven des Centres. Das TRSHC ist als geschlossene Gemeinschaft organisiert und verfügt über eine eigene Infrastruktur. Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld und medizinische Grundversorgung werden gemeinschaftlich bereitgestellt. Auch Bildungsangebote gehören zur Struktur des Centres, von schulischer Ausbildung bis hin zur Unterstützung eines Studiums außerhalb der Anlage. In früheren Jahren verfügte das Centre über ein eigenes Kranken- und ein Waisenhaus. Voraussetzung ist, dass mindestens ein Familienmitglied im Centre arbeitet.

Das Zentrum ist jedoch nicht bloß Arbeits- und Wohnort. Auch der Alltag findet fast ausschließlich auf dem Grundstück statt. Religiöse Praxis ist hier ein tragender Bestandteil. Gebetsräume sind vorhanden, Rituale und religiöse Feiertage strukturieren den Tages- und Jahresrhythmus und werden von einem in der Siedlung lebenden Mönch begleitet. Auch ein tibetisches Kulturprogramm ist Teil des gemeinschaftlichen Lebens. Im Hof werden regelmäßig tibetische Tänze aufgeführt und wichtige Feiertage gefeiert. Diese Programme sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, sondern eine reine Aktivität für und von den Bewohner*innen.

Dreh- und Angelpunkt des Centres ist die handwerkliche Produktion, die den Ort zu einer der wichtigsten Touristenattraktionen Darjeelings macht. Der Arbeitsalltag folgt einem klaren und weitgehend unveränderten Rhythmus. Gearbeitet wird von morgens bis zum späten Nachmittag mit festen Pausen. Die meisten Bewohner*innen sind in der Herstellung von Wollprodukten, in anderen handwerklichen Arbeiten oder in deren Verkauf tätig. Die Aufgaben bleiben meist über Jahre hinweg unverändert, sodass sich eine stabile Arbeitsteilung etabliert hat.

Zu den Tätigkeiten gehören die Wollherstellung, bei der Schafwolle gereinigt, gefärbt, gesponnen und schließlich an großen Holzwebstühlen geknüpft wird, und deren Verarbeitung zu Teppichen, Schals, Pullovern sowie Näh- und Schnitzarbeiten. Die Arbeit ist körperlich anspruchsvoll, zeitintensiv und erfolgt vollständig in Handarbeit, ohne elektrische Maschinen. Die meisten Weberinnen sind ältere Frauen, die dieses Handwerk über Jahrzehnte hinweg ausüben und es meist im Centre erlernt haben. Für viele ist die Arbeit zugleich Routine, Einkommensquelle und fester Bestandteil ihres alltäglichen Lebensrhythmuses.

Teppiche, das Aushängeschild des Tibetan Refugee self-Help Centres, werden ganz traditionell von Hand und mit klassischen tibetischen Mustern gewebt.

Die Teppiche, das Aushängeschild des Centres, folgen traditionellen tibetischen Mustern und Techniken. Durch sie wird eine kollektive tibetische Geschichte im Exil weitergegeben. Sie sind wichtigste Einnahmequelle des Centres und zugleich Träger kulturellen Wissens. Tourist*innen, Institutionen, aber auch Klöster zählen zu den Kund*innen, die durch ihr Interesse an tibetischer Geschichte und Kultur das Centre finanziell am Leben erhalten. Gleichzeitig bleibt dessen wirtschaftliche Lage angespannt. Die Einnahmen sichern den Fortbestand des Centres, erlauben jedoch nur ein bescheidenes Leben. Die Löhne sind niedrig, Rücklagen kaum möglich, was die Abhängigkeit der Bewohner*innen vom gemeinschaftlichen System weiter verstärkt.

Viele der älteren Bewohner*innen sind auf das Centre angewiesen. Gerade für Menschen ohne familiäre Netzwerke außerhalb stellt es ihre zentrale Absicherung dar. Die Verwurzelung mit dieser Gemeinschaft ist eng mit ihrer Lebensgeschichte verbunden. Viele haben den Großteil ihres Kindes- und Erwachsenenlebens dort verbracht und bezeichnen den Ort als ihr „Tibet im Exil“. Geringe Kenntnisse in Englisch, Hindi oder Nepalesisch sowie nur rudimentäre Bildungswege erschweren ein Leben außerhalb zusätzlich. Das Centre bildet für sie somit den zentralen sozialen, ökonomischen und emotionalen Bezugsrahmen.

Für jüngere Tibeter*innen stellt sich die Situation anders dar, da sie durch ihre Geburt in Indien oft einen anderen Bezug zu ihrer tibetischen Community sowie andere Chancen auf dem indischen Arbeitsmarkt haben. Viele streben nach Bildung und Laufbahnen außerhalb der Siedlung. Zusätzlich gilt die Arbeit in der Teppichproduktion als körperlich belastend und wenig zukunftsorientiert. Wenige kehren zeitweise zurück oder unterstützen ihre Familien finanziell, sehen ihre langfristige Perspektive jedoch außerhalb der Gemeinschaft. Diese Entwicklung verstärkt die Alterung der Bevölkerung und wirft Fragen nach der Weitergabe der bestehenden Lebens- und Arbeitsweise auf.

Fest steht, dass das TRSHC kein symbolischer Ort ist. Es ist eine von seinen Bewohner*innen getragene Gemeinschaft, die sich fast ausschließlich durch Arbeit und Zusammenleben erhält. In ihrem Alltag zeigt sich, wie eng Arbeit, Gemeinschaft und Erinnerung miteinander verbunden sind und wie versucht wird, im Exil ein würdevolles und sinnstiftendes Leben zu führen. Zugleich macht die finanzielle Fragilität deutlich, wie verletzlich dieses System ist. Alternativen zur finanziellen Sicherung werden von der Geschäftsführung geprüft, etwa die Inanspruchnahme externer Fördermittel. Ob und wie das Centre in Zukunft bestehen wird, ist jedoch für alle Beteiligten offen.

Julia Verbeek, MA, studiert Kultur- und Sozialanthropologie sowie Religionswissenschaft an der Universität Wien. Sie arbeitet als wissenschaftliche Organisationsassistentin im Haus der Barmherzigkeit sowie beim Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Flucht und Migration sowie im interreligiösen Dialog.

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Last modified: 21. April 2026

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