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Interview mit Dr. Manuel Vermeer

01/2026 • Blue Tibet • Brennpunkt Tibet • Interview • Umwelt

21. April 2026

Im Interview mit Manuel Vermeer wird die geopolitische Bedeutung Tibets und des geplanten chinesischen Megastaudamms erläutert. Tibet ist wichtig, weil dort viele große Flüsse entspringen und China dadurch Einfluss auf die Wasserversorgung anderer Länder hat.

VON AUXILIA PHUNG

Der Megastaudamm in Tibet: Wasserpolitik zwischen China und Indien

„China sitzt am Wasserhahn für Milliarden Menschen“ – in Tibet entspringen einige der großen Flüsse Asiens. Der geplante Megastaudamm am Yarlung Tsangpo könnte den Wasserfluss für Indien und Bangladesch zum geopolitischen Druckmittel machen.

Welche Rolle spielt Tibet heute aus geopolitischer Sicht im Verhältnis zwischen China und Indien – und inwiefern fungiert die Region weiterhin als strategische Pufferzone?

Tibet gehört offiziell zur Volksrepublik China. Das haben die Inder unter Nehru, dem damaligen Premierminister, offiziell anerkannt. Diese Entscheidung wurde im Nachhinein stark kritisiert, weil Indien damit im Grunde auf Tibet verzichtet hat, als dessen Status zwischen beiden Ländern noch umstritten war. Insofern ist Tibet eine perfekte Pufferzone zwischen China und Indien, da der Himalaya seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden, als natürliche Grenze zwischen beiden Ländern dient. Entsprechend gab es historisch auch nur sehr wenig direkten Kontakt zwischen China und Indien. Betrachtet man die letzten Jahrhunderte, waren es vor allem einzelne Pilger, die nach Indien kamen und den Buddhismus später nach China brachten.

Tibet ist aus verschiedenen Gründen äußerst interessant nicht nur für China, sondern auch geopolitisch insgesamt: einmal wegen seiner Funktion als Pufferzone, dann wegen der dort vorhandenen Rohstoffe. Wir finden in Tibet unter anderem Gold, Uran und Lithium, insbesondere in den Salzseen. Geologisch ist das gut erklärbar: Die indische Platte dockte vor etwa 40 bis 50 Millionen Jahren an die eurasische Platte an und schiebt sich seitdem unter sie. Dadurch wurde der Himalaya aufgestülpt. Wo wir heute Gebirge haben, befand sich früher ein Meer.

In den Salzseen gibt es Lithium, das aus der Lake extrahiert werden kann. All das – geopolitische, militärische, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren – macht Tibet zu einer extrem spannenden Region, aber eben auch eine mit Spannungen aufgeladene.

Warum ist der Yarlung Tsangpo, der später dann zum Brahmaputra wird, für China geopolitisch und strategisch so bedeutsam?

Tibet gilt als das Dach der Welt. Nirgends sonst auf der Erde ist so viel Wasser in Form von Eis gespeichert – abgesehen von Nord- und Südpol. Deshalb spricht man vom Dritten Pol. Diese großen Flüsse Asiens entspringen in Tibet: in China etwa der Gelbe Fluss und der Yangtze, außerdem der Mekong Richtung Laos und der Irrawaddy in Richtung Myanmar. Aber eben auch die großen indischen Flüsse Indus und der Brahmaputra, der in Tibet Yarlung Tsangpo heißt.

Einige dieser Flüsse entspringen ganz im Westen Tibets, am heiligen Berg Kailash, der auch deshalb als heilig gilt, weil dort Flüsse in vier verschiedene Himmelsrichtungen entspringen. Der Yarlung Tsangpo fließt dann etwa 1.500 Kilometer nach Osten, macht einen großen Bogen und fließt schließlich nach Süden, wo er in Indien zum Brahmaputra, dem „Sohn des Brahma“, und in Bangladesch schließlich zum Jamuna wird.

Insofern sitzt China im Grunde am Wasserhahn für rund vier Milliarden Menschen. China kontrolliert diese Flüsse und hat bereits etwa die Hälfte aller Staudämme weltweit gebaut – die meisten davon im eigenen Land. Neben dem Drei-Schluchten-Staudamm plant China nun in Tibet, an dieser großen Flussschleife des Yarlung Tsangpo, eines der größten Staudammprojekte der Welt.

Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Damm, sondern um ein komplexes System aus mehreren Staudämmen und Tunneln, die Wasser über mehr als 20 Kilometer unterirdisch leiten. Das gesamte System erstreckt sich über rund 150 Quadratkilometer. Man darf sich das also nicht wie einen klassischen Staudamm vorstellen, sondern als ein groß angelegtes Regulierungssystem. Für Indien stellt das eine massive Bedrohung dar, denn China könnte damit den Wasserzufluss steuern – entweder plötzlich sehr viel Wasser freisetzen oder Wasser zurückhalten. Das bedroht das Leben von Hunderten Millionen Menschen in Indien und Bangladesch.

Inwiefern kann Wasser in diesem Kontext zu einem politischen Druckmittel werden? Sehen Sie Anzeichen für eine zunehmende Politisierung von Wasser in Asien?

Das hängt stark von der jeweiligen Perspektive ab. Aus indischer Sicht ist dieses Projekt eindeutig eine Gefahr – eine Art „Wasserbombe“, die politischen Druck erzeugen oder sogar erpresserisch genutzt werden kann, etwa um territoriale Ansprüche durchzusetzen. Es gibt den indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh, der aus indischer Sicht zu Indien gehört, aus chinesischer Sicht jedoch als Südtibet betrachtet wird. Genau in der Nähe dieser umstrittenen Grenze wird der neue chinesische Staudamm gebaut.

Indien hat darauf reagiert und angekündigt, selbst einen Staudamm südlich davon zu errichten. Betrachtet man die Situation aus chinesischer Sicht, stellt sich das anders dar. Nordchina ist extrem trocken. Der Grundwasserspiegel in Peking ist vergleichbar mit dem in Eritrea. Beijing ist aus hydrologischer Sicht eigentlich ein denkbar ungünstiger Ort für eine Hauptstadt. In Südchina gibt es dagegen viel Wasser. Deshalb existiert seit Jahren das sogenannte South–North Water Diversion Project, bei dem Wasser über riesige Kanäle und Betonröhren von Süd- nach Nordchina geleitet wird. Aus chinesischer Perspektive ist das legitim: Die Regierung muss ihre Bevölkerung versorgen.

Auch Wasser aus Tibet nach Norden umzuleiten, wird daher als Recht Chinas betrachtet. Natürlich fehlt dieses Wasser dann weiter flussabwärts in Indien und Bangladesch. Aber letztlich ist das eine Frage der Perspektive: Wem gehört Wasser? Was sind Wasserrechte? Diese Fragen lassen sich nicht einfach mit europäischen Maßstäben beantworten. Aus indischer Sicht ist es eine klare Bedrohung. Aus chinesischer Sicht geht es um Ressourcensicherung und um die Gewinnung von Hydroenergie, also Elektrizität, die in China dringend benötigt wird.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ordnen Sie den Bau des Motuo- Wasserkraftwerks aus chinesischer Perspektive also eher als Ressourcen- und Energiepolitik ein – und weniger als machtpolitisches Instrument?

Das eine schließt das andere nicht aus. Natürlich sind die Chinesen nicht naiv und wissen, dass das ein machtpolitisches Instrument werden kann. Und das ist sicher auch eine der Intentionen dahinter. Aber es ist nicht der einzige Grund. Im Vordergrund steht klar die Energiegewinnung. Deshalb wird dieses gigantische Projekt auch so aufwendig umgesetzt. Wenn es ausschließlich darum gegangen wäre, Indien zu bedrohen, hätte man das wesentlich einfacher tun können. Der Yarlung Tsangpo fällt auf etwa 50 Kilometern rund 2.000 Meter ab – das ist ein enormes Gefälle.

Um dieses Potenzial zu nutzen, werden zahlreiche Tunnel gebohrt oder gesprengt, durch die das Wasser geleitet wird. So wird Energie gewonnen. Also beides, es ist sowohl militärisch relevant als auch energiepolitisch motiviert.

Welche konkreten Risiken birgt denn dieser Megastaudamm für die beiden Länder flussabwärts, Indien und Bangladesch – insbesondere im Hinblick auf deren Wassersicherheit?

Was den Yarlung Tsangpo betrifft, sind vor allem Indien und Bangladesch betroffen. Bangladesch lebt in hohem Maße vom Wasser des Brahmaputra. Schon allein durch den Bau eines Staudamms verändert sich die Fließgeschwindigkeit, und vor allem werden Sedimente zurückgehalten. Diese Sedimente sind jedoch eminent wichtig für das Delta, für die Landwirtschaft und für die Stabilität der Region. Wenn Sedimente fehlen, kann Salzwasser leichter eindringen, was die Lebensgrundlagen vieler Menschen bedroht – insbesondere auch die Fischerei.

Die zweite große Gefahr besteht darin, dass China den Wasserfluss regulieren kann: Man könnte den Zufluss bremsen, also weniger Wasser durchlassen, sodass unten kaum noch Wasser ankommt. Oder man könnte plötzlich gewaltige Mengen freisetzen, was am Unterlauf zu Überschwemmungen führen würde. Diese Steuermöglichkeit ist die große Gefahr.

Und wie reagiert Indien darauf?

Als Reaktion plant Indien, selbst einen Staudamm flussabwärts zu bauen– in der Region Arunachal Pradesh, was China als Südtibet bezeichnet. Dieser soll helfen, extreme Schwankungen im Wasserfluss abzufedern. Der chinesische Staudamm soll etwa 60 Gigawatt leisten, der indische dagegen nur rund 10 Gigawatt. Indien hofft, durch einen eigenen Damm unterhalb des chinesischen Projekts das Risiko unzuverlässiger Wassermengen abzufedern und zumindest etwas Kontrolle zu gewinnen.

Allerdings wird der indische Staudamm deutlich später fertig werden. China hat bereits mit dem Bau begonnen und will schon 2033 fertig sein. Indien versucht also, gegenzusteuern,aber das Risiko bleibt enorm.

Gibt es auf indischer Seite bereits Planungen für Umsiedlungen entlang des Brahmaputra als Reaktion auf Chinas Vorgehen?

Soweit ich weiß, gibt es das bislang noch nicht. Das Projekt ist ja noch im Bau, und Indien ist eine Demokratie. Man kann dort nicht einfach sagen: „Wir siedeln jetzt ein Dorf um“, wie das in China möglich ist. Ob einzelne Bürger oder Gemeinden später beschließen, aus Risikogründen wegzuziehen, wird man sehen. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Außerdem gibt es in Indien selbst zahlreiche Flussprojekte und Staudämme, die unabhängig von China bereits Umsiedlungen und Überschwemmungen verursachen.

Auch der indische Staudamm wird Dörfer überfluten. Menschen werden Besitz verlieren und mit den Konsequenzen leben müssen. Das sind Folgen dieser gesamten wasserpolitischen Konstellation in Tibet – dass eben so viel Wasser aus Tibet und damit aus China kommt.

Inwiefern stärkt der Bau dieses Megastaudamms Chinas geopolitische Position in Südasien und im indo-pazifischen Raum insgesamt?

China kann auf alle Länder, die davon betroffen sind, Einfluss nehmen. Der Mekong kommt ebenfalls aus China, ebenso der Irrawaddy und der Salween. Diese Flüsse betreffen Länder wie Laos, Kambodscha, Vietnam und Myanmar. Alle diese Staaten leben vom Wasser, und China baut auch dort Staudämme, um Elektrizität zu erzeugen, die anschließend nach China zurückgeführt wird.

Einerseits entstehen dadurch Arbeitsplätze vor Ort, aber gleichzeitig wächst die Abhängigkeit dieser Länder von China. China kann durch diese Staudamm-Politik seinen geopolitischen Einfluss massiv ausweiten und die Länder stärker in eine Abhängigkeit bringen. Und da China oft der einzige relevante Geldgeber in der Region ist – Europäer sind kaum präsent, die Amerikaner ebenfalls nicht –, wächst dieser Einfluss enorm.

Was sagt dieses Projekt über den Zustand internationaler Zusammenarbeit bei grenzüberschreitenden Ressourcen aus? Wo sehen Sie Möglichkeiten für multilaterale Lösungen oder Abkommen?

Multilateral eher nicht, höchstens bilateral – also zwischen China und Indien oder zwischen anderen Nachbarstaaten. Es gibt Abkommen, auch zwischen Indien und Pakistan. Aber auch dort sieht man, wie fragil das ist: Indien droht Pakistan etwa immer wieder damit, den Indus zu stauen, was Pakistan in eine existenzielle Krise bringen würde. Es gibt weltweit solche Abkommen, aber sie werden teilweise nicht eingehalten oder schlicht ignoriert.

Die Frage ist: Welchen Wert hat ein Abkommen zwischen zwei Atommächten, wenn man es letztlich nicht durchsetzen kann? Und was den Rest der Welt betrifft: Der hält sich weitgehend heraus. Ich halte oft Vorträge zu diesem Thema, und vielen Menschen in Europa oder Amerika ist diese gesamte Staudamm-Problematik überhaupt nicht bekannt. Dabei kann sie enorme Folgen haben. Wenn es zu größeren Konflikten kommt, reden wir über Flüchtlingsströme von  gewaltigem Ausmaß.

Wir sprechen hier von Nuklearmächten: China, Indien, Pakistan. Kaschmir liegt ebenfalls in dieser Region – ein hochbrisantes Gebiet. Bilateral mag es weiterhin Abkommen geben, aber letztlich lernen wir gerade, dass Machtpolitik wieder die dominante Konstellation ist. Insofern ist die Wasserthematik in Tibet ein signifikantes Instrument geopolitischer Machtpolitik in Asien.

Das heißt, Sie sehen keine realistische Chance, dass Länder wie China,  Indien, Pakistan, Myanmar und andere betroffene Staaten gemeinsam an einem Tisch sitzen?

China dominiert ganz klar. Indien dominiert in seinem Bereich. China und Indien verhandeln miteinander, ja. Herr Modi war letztes Jahr bei Herrn Xi, und durch die Politik von Trump werden China und Indien eher wieder zusammengeführt. Sie arbeiten enger zusammen. Aber dass plötzlich alle an einem Tisch sitzen, sich einigen und dann auch noch Länder wie Myanmar, Kambodscha, Laos oder Vietnam gleichberechtigt mitreden können – das halte ich für unrealistisch. Diese Länder sind viel zu schwach, viel zu klein.

Pakistan ist ohnehin stark abhängig von China, militärisch und wirtschaftlich angeschlagen. Das Machtgefälle ist einfach zu groß.

Foto: www.keskin-arts.com

Professor Dr. Manuel Vermeer ist Sinologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit chinesisch-indischen Beziehungen, Geopolitik und internationaler Wirtschaft. Er lehrt zu chinesischer Wirtschaft, Kultur und internationalem Management und berät seit über 30 Jahren Unternehmen und politische Akteure in Europa und Asien. Zudem begleitete er als Übersetzer chinesische Staatsbesuche auf Regierungsebene und ist Visiting Professor in Mumbai, Indien.

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Last modified: 21. April 2026

China Menschenrechte Tibet Tibet Initiative Deutschland Umwelt Wasser

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