Von Nicole König

„Ein Baum bedeutet langes Leben“ – dieser Satz veränderte den Weg des Umweltaktivisten Padma Wangyal für immer. Er spricht über abgeholzte Urwälder, Hoffnungspflanzen in Klöstern und die Macht der Diaspora.
Ein Interview über Verantwortung, Kultur und die Zukunft Tibets.
Was hat Sie persönlich dazu bewegt, Ihr Leben dem Umweltschutz in Tibet zu widmen – trotz der enormen Herausforderungen?
Für mich ist – nach meiner buddhistischen Überzeugung – unsere Erde die erste Mutter, und die zweite Mutter ist unsere eigene Mutter. Die Erde gibt uns Nahrung, Kleidung, Häuser und alles, was wir zum Leben brauchen. Alle diese Dinge stammen aus der Natur, aus ihren Ressourcen. Wenn diese Ressourcen aufgebraucht werden, bleibt nur noch Müll zurück. Deshalb sind die Prinzipien „Reuse, Reduce, Recycle“ so wichtig – sie müssen von jedem praktiziert werden: von Einzelpersonen, Familien, Organisationen, Ländern und der internationalen Gemeinschaft. Umweltschutz ist für mich interessant, weil er mit allem verbunden ist: Gesundheit, Wirtschaft, Landwirtschaft, Wissenschaft, Technik, Industrie, Tier- und Naturschutz, Gewässern und Luft. Alles hängt von der Umwelt ab.
Viele trennen Politik, Menschenrechte und Umweltschutz, aber das ist nicht möglich. Wenn die Umwelt zerstört wird, leiden Menschen und politische Strukturen automatisch mit. Ein Beispiel ist China: Über Jahrzehnte wurden Natur und Ressourcen ausgebeutet und zerstört, um wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Westliche Länder haben dies oft ignoriert und die Wirtschaft über Menschenrechte und Umweltschutz gestellt. Die Folgen sind inzwischen spürbar: Klimaprobleme, Überschwemmungen, beschädigte Staudämme, unregelmäßiger Regen – ein ökologischer Kollaps. Alles hängt zusammen: Menschenrechte, Umwelt und Wirtschaft basieren auf natürlichen Ressourcen. Diese Zusammenhänge bilden einen Kreislauf, den man nicht auseinandernehmen kann.
Können Sie eine Geschichte aus Ihrer Arbeit am Tibetbaum-Projekt erzählen, die Sie besonders berührt hat?
China hat bereits in den 1950er Jahren mit der massiven Abholzung tibetischer Wälder begonnen, vor allem in Kham/Osttibet. Auf meinen Tibet-Reisen habe ich die fortgesetzte Rodung selbst beobachtet: 1987 sah ich persönlich, wie täglich viele Lastwagen Holz nach China transportiert wurden. Bis 1989 stieg die Zahl auf rund 100 Lastwagen täglich, und 1999 waren es etwa 300. Besonders betroffen war Kham mit seinen uralten Wacholderurwäldern. Diese können bis zu 2.500 Jahre alt werden. Ich habe die Region 2001 selbst besucht. Alle diese Entwicklungen habe ich dokumentiert, Fotos und Berichte sind im Tibet Museum und bei der Zentralen Tibetischen Verwaltung in Dharamsala archiviert. Im Jahr 2000 hatte ich die Gelegenheit, Seine Heiligkeit den Dalai Lama in Berlin zu treffen. Ich erklärte ihm, dass ich nach Tibet fahren wolle, um Bäume zu pflanzen.
Seine Heiligkeit war begeistert und gab mir den Rat: „Du brauchst kein langes Lebensgebet für mich – pflanze lieber 1.000 bis 2.000 Bäume in Tibet. Ein Baum bedeutet langes Leben für die Erde, für Mensch und Tier.“ Mit seiner Unterstützung und durch eine Spendenaktion in Deutschland konnte ich die Mittel sammeln. Auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau pflanzte im Rahmen einer Aktion einen „Tibet-Baum“ vor dem Bundespresseamt, eine symbolische Geste, die große Aufmerksamkeit erhielt. Mit Hilfe der Heinrich-Böll-Stiftung und weiterer Unterstützer konnte ich die Mittel nach Tibet bringen und dort Bäume pflanzen – in Klöstern wie Tsurphu und Nehnang. Tibeter vor Ort sahen, dass ein Exiltibeter aus dem Ausland aktiv wurde, was besonders junge Menschen und Klöster motivierte. Auch wenn ich ab 2009 kein Visum mehr erhielt, setzte ein junger Tibeter die Aufforstung fort. So lebt die Idee des „Tibet-Baums“ weiter – ein Symbol für Umweltschutz, Hoffnung und Engagement für die Zukunft Tibets.
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die tibetische Diaspora und die internationale Gemeinschaft beim Schutz der tibetischen Ökosysteme?
Zwischen 1980 und 2020 hat die tibetische Diaspora viel Arbeit geleistet, aber die internationale Gemeinschaft hat Tibet wenig unterstützt. In dieser Zeit wurde wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China priorisiert, während Menschenrechte, Umweltschutz und Kulturerhalt in Tibet kaum Beachtung fanden. Die Tibet-Diaspora war dadurch weitgehend auf sich allein gestellt. Heute ist die Welt jedoch in Unordnung geraten. Das Problem Tibet erhielt bislang wenig Aufmerksamkeit, doch diese globale Unruhe eröffnet auch Chancen. Die internationale Gemeinschaft ist gespalten, besonders im Umgang mit China. Die USA zeigen klare Konflikte, während die EU weniger offen, aber ebenfalls betroffen ist.
Diese Situation bietet die Möglichkeit, neue Strategien zu entwickeln und Tibets Anliegen stärker ins Bewusstsein zu rücken. Auch in China selbst gibt es große interne Probleme. Bewegungen in Hongkong, Taiwan und Tibet wirken als Kräfte für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Aus dieser Perspektive sind Exiltibeter eine Art Auslandsvertretung Tibets, während Hongkong- und Taiwan-Chinesen ähnliche Rollen für Demokratie und Freiheit Chinas übernehmen. Besonders in Südostasien – etwa in Vietnam, Japan, den Philippinen und Taiwan – sind die Spannungen mit China aktuell sehr groß. Europa und die USA dürfen dabei nicht nur Zuschauer bleiben. Tibet ist Teil der globalen Dynamik, die internationale Gemeinschaft muss entsprechend handeln.
Welche Botschaft möchten Sie jungen Umweltaktivisten mitgeben?
Junge Tibeter im Ausland sollten von der tibetisch-buddhistischen Tradition des Umweltschutzes lernen. Diese Tradition hat eine lange Geschichte, wurde aber stark unterbrochen, als der Dalai Lama und viele Tibeter aus Tibet vertrieben wurden, wodurch viele ökologische Praktiken endeten. Der tibetisch-buddhistische Umweltschutz ist organisch verwurzelt – er basiert auf ethischen und spirituellen Prinzipien und nicht primär auf moderner Wissenschaft oder Technik. Beispiele zeigen, dass diese Tradition immer noch wirkt. Sikkim, ein kleiner Bundesstaat, gilt als der nachhaltigste und ökologischste Staat Indiens. Dort werden hochwertige biologische Produkte hergestellt, die sogar international verkauft werden. Bhutan, ein buddhistisches Land im Himalaya, schützt seine Natur streng nach buddhistischen Prinzipien und bewahrt Landschaften und Artenvielfalt. In beiden Regionen ermöglicht die Weiterführung traditioneller Werte wirksamen Umweltschutz.
Diese Beispiele zeigen, dass buddhistische Traditionen wertvolle Lektionen für modernen Naturschutz bieten. Sie helfen, harmonisch mit der Natur zu leben – oft nachhaltiger als rein wissenschaftliche Ansätze. Ich habe ein Buch über buddhistischen Umweltschutz geschrieben, das erklärt, wie diese Tradition funktioniert und warum sie heute noch relevant ist, besonders interessant auch für junge Tibeter.
Wie lassen sich Menschenrechte und Umweltschutz in Tibet sinnvoll miteinander verbinden?
Ich bin der Meinung, es muss eine Brücke zwischen der Tibet Initiative in Deutschland und der tibetischen Exil- Gemeinschaft in Indien geben. Direkten Zugang nach Tibet haben wir kaum, deshalb ist die Verbindung zu den Exiltibetern besonders wichtig. Gleichzeitig braucht es eine Brücke zwischen der Tibet Initiative und tibetischen Jugendlichen in Deutschland, um die Zukunftsfähigkeit der Arbeit zu sichern. Das Thema Umweltschutz bietet genau den richtigen Ansatz, um alles unter ein Dach zu bringen. In Dharamsala gibt es zum Beispiel Schulen, in denen tibetische Jugendliche die Sprache, Kultur und den Buddhismus lernen.
Tibet ist reich an Natur: über 3.000 Berggipfel, mehr als 30.000 Seen und über 2.000 Flüsse. Viele Jugendliche in Deutschland wissen wenig darüber. Deshalb ist es wichtig, dass tibetische Geografie und Umweltschutz Teil der Bildung werden – genauso wie Sprache und Kultur. Der tibetische Umweltschutz ist entscheidend für die Zukunft Tibets. Gesunde Flüsse, intakte Landschaften und die Bewahrung der Natur sichern das Überleben und Wohlergehen zukünftiger Generationen. Umweltschutz muss daher eine hohe Priorität haben, und die Schulen bieten eine perfekte Möglichkeit, jungen Menschen diese Verantwortung näherzubringen.
Last modified: 20. April 2026
