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Tenzing Dhamdul: Der gewaltfreie Weg Tibets

02/2025 • Brennpunkt Tibet • Kommentar

1. August 2025

Foto: Bruno Baumann

KOMMENTAR VON TENZING DHAMDUL

Mein erstes Verständnis von Tibet entstand durch ein Spiel, das mein Vater mit mir spielte, als ich klein war: Er hob mich hoch und fragte, ob ich Lhasa sehen könne – die Hauptstadt Tibets. Da ich in Indien geboren wurde, entstand mein Bezug zu Tibet für mich zunächst aus solchen Spielen und Erzählungen in der Familie. Später kamen Geschichten von Freunden hinzu, die während meiner Schulzeit aus Tibet geflohen waren. Eine konstante Figur meiner Kindheit war Seine Heiligkeit der Dalai Lama, den ich ehrfürchtig „Kundun“ nannte. Viel später erfuhr ich, dass „Kundun“ so viel bedeutet wie „Gegenwart“ oder „vor deinem Körper“ – ein Ausdruck der tiefen Verehrung, die Tibeter dem Dalai Lama entgegenbringen. In einer Zeit rasanter globaler Veränderungen, in der brillante Köpfe bahnbrechende Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) vorantreiben, erleben wir tiefgreifende Umwälzungen mit spürbaren Auswirkungen auf unseren Alltag. Haben wir als Menschheit kollektiv den Pfad von Frieden und Gewaltlosigkeit verlassen?

Eine konstante Figur meiner Kindheit war Seine Heiligkeit der Dalai Lama

Das Prinzip „Macht ist Recht“ scheint sich immer häufiger durchzusetzen, und Gewalt wird zunehmend als neue Normalität akzeptiert. Noch vor wenigen Jahrzehnten führte die Welt, angetrieben von europäischen Mächten und den USA, zwei verheerende Weltkriege, in die fast jede Nation verwickelt war. Deren Ende schien einen Wendepunkt einzuleiten: die Gründung der Vereinten Nationen und später auch die Bildung multinationaler Zusammenschlüsse wie die der Europäischen Union. Auch in der jüngeren Geschichte Tibets spielte Gewalt immer wieder eine Rolle. Der 13. Dalai Lama rief am 13.02.1913 formal die Unabhängigkeit Tibets aus und bestätigte damit lediglich offiziell, was seit Jahrhunderten Fakt war. Dieses Tibet wurde schließlich von der Volksrepublik China (VR China) völkerrechtswidrig besetzt. Michael van Walt van Praag hat in seinem Buch „Tibet erklärt“ noch einmal plausibel dargestellt, dass Tibet NIE ein Teil von China war! Ironischerweise berief sich die VR China bei ihrem Vorgehen auf den Anti-Kolonialismus und Anti-Imperialismus, während sie mit ihrer sogenannten „Befreiung“ Tibets selbst einen kolonialen Akt beging. Seitdem leben die Tibeterinnen und Tibeter unter chinesischer Herrschaft.

Die legitime Regierung des tibetischen Volkes unter der Führung Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama musste 1959 ins indische Exil fliehen. Seitdem bemühen sich Tibeterinnen und Tibeter, Wege zur Lösung ihres jahrhundertalten Konflikts mit China zu finden. Meiner Ansicht nach wurden dabei zwei zentrale Strategien verfolgt:

a. der direkte Dialog mit Peking

b. die internationale Öffentlichkeitsarbeit

Um Unterstützung zu gewinnen und Druck auf China auszuüben. Die tibetische Führung unter der Leitung Seiner Heiligkeit, dessen Legitimität noch einmal mit dem „Großen Eid“ 1960 im Exil bestätigt wurde, vollzog dabei einen strategischen Wandel. Als politischer Führer und buddhistischer Mönch stellte der Dalai Lama das Prinzip der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) in den Mittelpunkt des Widerstands. Dieser gewaltfreie Ansatz zur Lösung des Tibet-China-Konflikts fand weltweit Anerkennung – besonders in westlichen Ländern. Die tibetische Freiheitsbewegung wurde insbesondere nach dem ersten großen Besuch des Dalai Lama in Europa und den USA in den 1970er-Jahren zunehmend internationalisiert. Dabei wurden zentrale Vorschläge unterbreitet: der Fünf-Punkte-Friedensplan am 21. September 1987 vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses sowie die Straßburger Erklärung am 15. Juni 1988 vor dem Europäischen Parlament. Diese gewaltfreien, diplomatischen Initiativen wirkten auf viele wie ein hoffnungsvoller Gegenentwurf zu einem von Gewalt geprägten Weltgeschehen. Staaten wie die Mitglieder der Europäischen Union, die Bewegung der Blockfreien Staaten (NAM) und die Afrikanische Union (AU) unterstützten diesen friedlichen Ansatz.

Selbst während des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion galt Tibet – unter der Führung des Dalai Lama – als Symbol des Friedens. Diese Haltung wurde 1989 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama gewürdigt. Die internationale Anerkennung stärkte die weltweite Unterstützung für Tibet erheblich. Bemerkenswert ist, dass Tibet sogar zum offenen Gesprächsthema zwischen den USA und China wurde – unter anderem bei Präsident Bill Clintons Besuch in Peking im Jahr 1998, als er Tibet öffentlich gegenüber Präsident Jiang Zemin ansprach. Hätte Tibet ein solches Maß an Aufmerksamkeit erhalten, wenn die Bewegung auf Gewalt gesetzt hätte?

Ich bin überzeugt: nein. Deshalb ist es aus meiner Sicht entscheidend, dass das tibetische Volk seine moralische Integrität wahrt und weiterhin konsequent auf Gewaltlosigkeit setzt, wenn es seine Anliegen auf der internationalen Bühne wirkungsvoll vertreten will. Viele mögen annehmen, dass sich die tibetische Bewegung der Gewaltfreiheit ohne interne Kritik oder Widerstand entwickelt habe – zumal oft das Bild vermittelt wird, der Dalai Lama habe die uneingeschränkte Autorität und Tibet sei untrennbar mit seiner Person verbunden. Doch das war und ist nicht immer der Fall, insbesondere unter Tibeterinnen und Tibetern im Exil. Der Dalai Lama selbst betont immer wieder:

„Die Tibet-Frage ist eine Angelegenheit des tibetischen Volkes – und das tibetische Volk muss darüber entscheiden.“

Für viele von uns im Exil ist Tibet ein Ort, den wir nie mit eigenen Augen gesehen und persönlich erlebt haben. Wir verkörpern vielleicht nicht alle traditionellen tibetischen Werte, manche von uns sprechen, lesen oder schreiben nicht einmal mehr die tibetische Sprache. Und doch bleibt eines konstant: unsere Liebe zu Tibet, unsere Hoffnung auf Freiheit und unser tiefer Wunsch, dieses Land eines Tages selbst zu sehen. Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Stimmen der Tibeterinnen und Tibeter in dem von China besetzten Tibet besonders großes Gewicht haben – schließlich machen sie etwa 97 Prozent der weltweiten tibetischen Bevölkerung aus. Seit den Protesten im Jahr 2008 ist ein stärkeres Gefühl von Einheit und wachsendem Nationalbewusstsein unter den Tibetern in Tibet zu beobachten.

Das zeigt sich auch in kulturellen Ausdrucksformen auf globalen Bühnen – etwa, wenn tibetische MMA-Kämpfer (Mixed Martial Arts) stolz ihr kulturelles Erbe präsentieren. Trotz der chinesischen Besatzung setzen viele Tibeter weiterhin auf strategische, gewaltfreie Maßnahmen, um ihre Kultur zu bewahren und weiterzugeben. Wir im Exil sind ihre Stimme, und wir können sie am besten vertreten, indem wir ihre Hoffnungen öffentlich machen und gleichzeitig nach und nach unsere eigene, unverwechselbare Vision von Tibet entwickeln – im besten Fall eine, die im Einklang steht mit dem „lion’s roar“ (Gebrüll des Löwen), dem Ruf der Tibeter aus Tibet. Ich glaube, dass dieses tiefe Band zwischen den Tibeterinnen und Tibetern im besetzten Heimatland und jenen im Exil – dieses Gefühl von Einheit über alle tibetischen Regionen hinweg – in erster Linie der Führung und der Botschaft Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zu verdanken ist. Es wird weitergetragen durch gemeinsame Hoffnungen, durch den Glauben und durch tiefes Vertrauen.

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Last modified: 21. April 2026

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