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Der Dalai Lama – Ein Leben für sein Volk 

02/2025 • Brennpunkt Tibet • Titel

7. August 2025

Foto: Manuel Bauer

VON IRIS LEHMANN

Die Verantwortung für die Nation und das Volk von Tibet seien auf ihn übertragen worden, seit er im Alter von zwei Jahren als Dalai Lama erkannt worden sei, und seitdem trage er die Aufgabe, Tibet und sein Volk sowie seine Kultur zu schützen, tief in seinem Herzen. Das werde so bleiben, solange er lebe, so der Dalai Lama in seinem neuen Buch „Voice for the Voiceless“. Damit ist er auch ein Symbol der Hoffnung für sein Volk – sowohl für die Tibeter in Tibet als auch für diejenigen im Exil. 

Fünf Tage nach einer zunächst für banal gehaltenen Erkrankung starb Thubten Gyatsho, der 13. Dalai Lama, am 17. Dezember 1933, erst 57 Jahre alt. Da sein Tod überraschend kam, wurde bald vermutet, er könnte vergiftet worden sein. Ein Beweis dafür oder gar ein Täter wurden aber nie gefunden. Einen Nachfolger hatte der Dreizehnte nicht bestimmt, wohl aber hatte er bereits einige Hinweise auf dessen Geburtsort hinterlassen. 

Nach seinem Tod wurde, wie es üblich war, ein hoher Lama als Regent eingesetzt, der die Regierungsgeschäfte übernahm, bis ein neuer Dalai Lama gefunden und dieser volljährig geworden war. Zunächst wurde Reting Rinpoche der Regent, 1941 folgte Tagdrag Tulku. 

Die Suche

Nach einiger Zeit wurde mit der Suche nach der Wiedergeburt begonnen. Dazu gehört, dass die Hinweise des Verstorbenen überprüft und die Orakel befragt werden, vor allem das Staatsorakel des Klosters Nechung (ein neues Kloster wurde nach der Flucht aus Tibet in Dharamsala errichtet). Vor der Besetzung Tibets durch China gehörte auch dazu, dass hohe Lamas den etwa 150 km östlich von Lhasa gelegenen heiligen See Lhamo Latso aufsuchten, auf dessen Wasseroberfläche sie Visionen erblicken konnten. Reting Rinpoche selbst reiste zum Lhamo Latso und hatte dort mehrere Visionen. So erkannte er die Buchstaben AH, KA und MA und deutete die beiden ersten für Amdo und das Kloster Kumbum. 

1937 schickte die Regierung mehrere Suchtrupps los. Eine Gruppe unter der Leitung von Keutsang Rinpoche vom Kloster Sera reiste in die Provinz Amdo und begann, dem Rat des 9. Panchen Lama folgend, mit ihrer Suche in den Dörfern in der Nähe des Klosters Kumbum. In dem kleinen Ort Taktser fanden sie eine Bauernfamilie, auf die weitere Zeichen hindeuteten. Bei einer Übernachtung bei dieser Familie wurden Keutsang Rinpoche und seine Gruppe schließlich fündig: Der zweijährige Sohn der Familie, Lhamo Dhondrup, geboren am 6. Juli 1935, sah die Gebetskette des 13. Dalai Lama, die Keutsang Rinpoche absichtlich angelegt hatte, und wollte diese sofort haben. Er erkannte auch Rinpoche als ‚Sera Lama‘. 

Nur einige Tage später kam die Gruppe nun als offizielle Delegation zurück und unterzog Lhamo Dhondrup weiteren Prüfungen. Noch einmal wurden verschiedene Orakel und hohe Lamas befragt, und sie alle bestätigten, dass dieses Kind die Reinkarnation des 13. Dalai Lama sei. Daraufhin wurde der kleine Junge in das Kloster Kumbum gebracht, wo auch schon sein älterer Bruder Lobsang Samten als Mönch lebte und wo ein gütiger alter Mönch sein erster Lehrer wurde. 

Nach seiner offiziellen Anerkennung als 14. Dalai Lama sollte Lhamo Dhondrup zusammen mit seiner Familie bald nach Lhasa ziehen, aber Ma Bufang, muslimischer Chinese der Hui-Nationalität und zu der Zeit lokaler Machthaber von Amdo, ließ dies nicht zu. Erst im Sommer 1939, nach vielen Verhandlungen und der Zahlung eines beträchtlichen Lösegeldes, konnten der Dalai Lama und seine Familie nach Lhasa reisen. 

Inthronisation

Am 22. Februar 1940 wurde Lhamo Dhondrup offiziell als 14. Dalai Lama und damit auch als spirituelles Oberhaupt von Tibet inthronisiert, und mit der Ordination als Novize erhielt er den Namen Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso. Mit 6 Jahren begann seine Ausbildung gemäß der Gelug-Tradition in buddhistischer Philosophie, Mathematik, Astronomie, Medizin und weiteren Fächern. Im Februar 1959 machte er seinen Abschluss als Geshe Lharampa. Das ist der höchste Abschluss in der Gelug-Tradition, der in etwa einem Doktortitel in buddhistischer Philosophie entspricht. 

Der Dalai Lama gilt als Inkarnation des Bodhisattva Avalokiteshvara, tibetisch Chenrezig. Ein Bodhisattva könnte bereits in das Nirvana eingehen, er verzichtet aber zunächst darauf, um anderen Menschen und auch Tieren zu helfen, ebenfalls den Kreislauf der Wiedergeburten zu verlassen. Chenrezig, einer von acht Bodhisattvas, ist derjenige des unendlichen Mitgefühls. Eine seiner Manifestationen wird in stehender Form dargestellt mit elf Köpfen und tausend Armen, dabei mit einem Auge in jeder offenen Handfläche. Sein Mantra ist das wohl bekannteste Mantra: „Om Mani Padme Hum“. 

Unruhige Zeiten 

Die Geschichte und das Schicksal Tibets sind wohl bisher noch nie so mit dem Leben und Schicksal eines Dalai Lama verwoben gewesen wie bei dem jetzigen 14. Dalai Lama, die tausend Arme, Hände und Augen von Chenrezig noch nie so dringend benötigt worden wie bei ihm – und wohl kein anderer vor ihm hat sich so für sein Volk eingesetzt, wie er es bis heute tut. 

Als der Dalai Lama geboren wurde, fanden bereits verschiedene Auseinandersetzungen um Tibet und in seinen Nachbarländern statt: Das „Great Game“, das Wettrennen zwischen dem russischen Zarenreich und dem Vereinigten Königreich mit seiner Kolonie Britisch-Indien um die Vorherrschaft in Zentralasien, war 1907 per Vertrag zu einem gewissen Ende gekommen. 1930 fand der Salzmarsch in Britisch-Indien statt, Gandhis wohl berühmteste Kampagne im Kampf um die Unabhängigkeit. 1947 erlangte Britisch-Indien seine Unabhängigkeit, aber mit der Teilung in die Republik Indien sowie damals West- und Ostpakistan wurden auch neue Probleme geschaffen und alte nicht gelöst. 

Auch östlich von Tibet gab es gewaltige Konflikte: Am 12. Februar 1912 endete mit dem Thronverzicht des sechsjährigen Kaisers Puyi die Mandschu-Dynastie (Qing-Dynastie), nachdem nach einer Revolution bereits am 1. Januar 1912 die erste chinesische Republik, die Republik China, gegründet worden war. Der 13. Dalai Lama nutzte diese Zeit, kehrte aus dem indischen Exil nach Lhasa zurück und erklärte am 13. Februar 1913 formal die längst bestehende Unabhängigkeit Tibets.

Die Einigkeit zwischen den beiden bald gegründeten großen Parteien, der Kuomintang und der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), hielt nicht lange an. 1927 begann ein Bürgerkrieg, in dessen Verlauf Mao Zedong eine dominante Position erlangte und 1943 offiziell die Führung der KPCh übernahm. Am 1. Oktober 1949 rief er die Volksrepublik China aus.

Die Geschichte und das Schicksal Tibets sind bisher noch nie so mit dem
Leben eines Dalai Lama verwoben gewesen wie bei dem 14. Dalai Lama,
und wohl keiner vor ihm hat sich so für sein Volk eingesetzt wie er.

Die Invasion

Von dem Bürgerkrieg blieb Tibet weitgehend verschont. Bereits im September 1949 jedoch stand für die KPCh fest, dass Tibet – wie auch Taiwan, die Insel Hainan und die Penghu-Inseln – friedlich oder auch mit Gewalt in die VR China eingegliedert werden sollten. Im Dezember 1949 ordnete Mao an, dass Vorbereitungen getroffen werden sollten, bei Chamdo/Osttibet einzumarschieren, um so die tibetische Regierung zu Verhandlungen zu zwingen. 

Verhandlungen zwischen tibetischen und chinesischen Regierungsvertretern gab es dann, blieben aber ohne Ergebnis. Am 7. Oktober 1950 überquerten die ersten Truppen der chinesischen Volksbefreiungsarmee, wie sie sich bis heute nennt, den Fluss Drichu (Yangtse) und marschierten in die tibetische Provinz Kham (Osttibet) ein. Die kleine und schlecht ausgerüstete tibetische Armee konnte ihnen kaum etwas entgegensetzen, am 19. Oktober ergab sich die Stadt Chamdo, Ende November fiel ganz Kham, und erste Khampa kamen als Flüchtlinge in Lhasa an. 

Aufgrund der Lage in Osttibet wurde der Dalai Lama am 17. November 1950 im Alter von nur 15 Jahren, drei Jahre früher als üblich, offiziell in Lhasa zum weltlichen Oberhaupt Tibets ernannt. Nur kurz vorher, am 11. November, hatte sich die tibetische Regierung an die Vereinten Nationen gewandt. Tatsächlich verurteilte die UN-Generalversammlung am 18. November die chinesische Invasion – mehr aber geschah nicht. So verließ der Dalai Lama zusammen mit dem Kashag (Kabinett) aus Sicherheitsgründen am 19. Dezember 1950 Lhasa und ließ sich in Yadong (Yatung) im Chumbi-Tal (Dromo) nieder, nahe zu Indien für den Fall, dass sie nach Indien fliehen müssten. Er kehrte erst am 17. August 1951 nach Lhasa zurück.

Das 17-Punkte-Abkommen 

Nach seiner Abreise kam es zu weiteren Verhandlungen zwischen tibetischen und chinesischen Regierungsvertretern, wobei die tibetischen Delegierten nicht befugt waren, Verträge abzuschließen. Als aber die Chinesen drohten, weiter in Tibet einzumarschieren, unterzeichneten die Tibeter ohne weitere Rücksprache mit dem Dalai Lama oder dem Kashag am 23. Mai 1951 in Beijing das sogenannte 17-Punkte-Abkommen, offizielle Bezeichnung „Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“. Von einer „friedlichen Befreiung“ konnte allerdings keine Rede sein, denn Tibet war zu der Zeit ein freies, unabhängiges Land. Das wurde später z.B. von den beiden einzigen Briten, die noch bis 1950 in Tibet tätig waren, bestätigt: von Hugh E. Richardson und Robert W. Ford. Die International Commission of Jurists stellte dies in mehreren Berichten fest, und der Völkerrechtler Michael van Walt van Praag bestätigte dies gerade erst wieder in seinem Buch „Tibet erklärt“. 

Wie der Dalai Lama selbst sagt, war die Zeit zwischen 1951 und 1959 eine der herausforderndsten Zeiten seines Lebens. Einerseits studierte er immer noch intensiv für seinen Geshe-Lharampa-Abschluss, den er schließlich im Februar 1959 erlangte, und andererseits war er bereits der weltliche Führer seines Volkes.  

Der Dalai Lama und der Kashag waren davon ausgegangen, dass mit der Unterzeichnung des 17-Punkte-Abkommens die Chinesen gestoppt seien. Aber die chinesischen Truppen rückten unaufhaltsam weiter vor. Im Oktober 1951 erreichten sie Lhasa, und damit war die Annexion Tibets vollzogen. 1954 wurde eine der ersten Straßenverbindungen von China nach Lhasa fertiggestellt und 1956 der erste Flughafen Tibets eröffnet. 

Foto: www.dalailama.com

Widerstand 

Während die chinesischen Soldaten anfangs noch freundlich auftraten und sogar Geschenke verteilten, zeigten sie und die KPCh bald ihr wahres Gesicht. Gemäß dem 17-Punkte-Abkommen war Tibet eigentlich eine weitgehende Autonomie zugesichert worden, wobei auch der Dalai Lama seinen Status behalten, der Kashag erhalten bleiben und die freie Religionsausübung gewährleistet sein sollten. Lediglich die außenpolitische Vertretung Tibets sowie die Verteidigung sollten fortan von China übernommen werden. 

Doch schon bald begann die chinesische Führung, gegen das Abkommen zu verstoßen, indem sie u.a. eigene Verwaltungsorgane einsetzte und Land enteignete. Vor allem aber wurden, im Osten beginnend, Klöster und Tempel z.B. zu Lagerhallen umfunktioniert, geplündert oder gleich ganz zerstört, und Nonnen und Mönche mussten ihre Klöster verlassen. 

Bereits 1955 regte sich Widerstand gegen die chinesische Besetzung in den Provinzen Amdo und Kham. Im März 1956 kam es zu Widerstand im Kloster Lithang, Kham, woraufhin die chinesische Armee Teile des Klosters durch Sprengungen und Bombardements zerstörte. Am 16. Juni 1958 wurde die Gründung der Nationalen Freiwilligen Verteidigungsarmee bekanntgegeben, einer Gruppe von Männern aus Amdo und Kham unter der Führung von Gonpo Tashi Andrugtsang. Schnell wurde diese Gruppe bekannt unter dem Namen Chushi Gangdrug, tibetisch für „vier Flüsse, sechs Gebirge”. 

Reise nach China

Trotz der Anspannungen konnte der Dalai Lama zwei lange Reisen nach China und Indien unternehmen. Im Juni 1954 erhielten sowohl er als auch der Panchen Lama eine Einladung von Deng Xiaoping, damals der für Tibet zuständige chinesische Regierungsvertreter, zur Teilnahme an der Gründungsversammlung des Nationalen Volkskongresses im September in Beijing. 

Trotz der Anspannungen konnte der Dalai Lama zwei lange Reisen nach China und Indien unternehmen. Im Juni 1954 erhielten sowohl er als auch der Panchen Lama eine Einladung von Deng Xiaoping, damals der für Tibet zuständige chinesische Regierungsvertreter, zur Teilnahme an der Gründungsversammlung des Nationalen Volkskongresses im September in Beijing. 

Foto: www.dalailama.com

Trotz großer Bedenken nahm der Dalai Lama die Einladung an in der Hoffnung, in China etwas für sein Volk tun zu können, und brach im Juli 1954 zusammen mit dem drei Jahre jüngeren 10. Panchen Lama und vielen Begleitern zu seiner Reise nach Beijing auf. Am 4. September wurden sie bei ihrer Ankunft am Bahnhof in Beijing von Premierminister Zhou Enlai und weiteren hochrangigen Chinesen empfangen. 

Nur wenige Tage später kam es zu einem ersten Treffen mit Mao Zedong, der versicherte, dass die chinesische Regierung alles tun werde, um Tibet zu entwickeln. Am 16. September sprach der Dalai Lama auf dem ersten Nationalen Volkskongress, nachdem er zuvor schon zum Vizepräsidenten des Lenkungsausschusses der VR China ernannt worden war. Danach folgte eine von der Regierung organisierte Besichtigungstour durch China, die auch kurz in die Innere Mongolei führte.

Während der sechs Monate in China führte der Dalai Lama noch mehrere Gespräche mit Mao und anderen Politikern, und er traf auch Xi Zhongxun, den Vater von Xi Jinping, den er als liebenswürdig und aufgeschlossen bezeichnete. Zudem traf er zum ersten Mal den indischen Premierminister Jawaharlal Nehru. 

Da alle Gespräche mit den Chinesen durchaus positiv verlaufen waren, verließ der Dalai Lama China wieder in der Annahme, dass er Tibet vor den schlimmsten Auswirkungen der chinesischen Besetzung würde bewahren können. Nur das letzte Gespräch mit Mao kurz vor seiner Abreise erschreckte ihn, denn Mao sagte ihm, Religion sei Gift. Da wurde ihm klar, dass Mao der Zerstörer des Buddha Dharma war. 

Dank dieser Reise gewann der Dalai Lama gute Einblicke in die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in China, wie sie von der KPCh vorangetrieben wurden. War der Dalai Lama zunächst einmal beeindruckt von der Idee des Marxismus, von der „Idee, sich um die weniger privilegierten Menschen, die Arbeiterklasse, zu kümmern“, so stellte er doch bald fest, dass die Wirklichkeit unter der Führung der KPCh ganz anders aussah. 

Reise nach Indien 

Ende 1955 erhielten der Dalai Lama und der Panchen Lama von dem Kronprinzen von Sikkim, damals noch ein Königreich, aber seit 1950 schon ein indisches Protektorat, eine Einladung nach Indien, um an den Feierlichkeiten zur 2500-Jahr-Feier von Buddha Jayanti (Buddhas Geburt) in Bodh Gaya teilzunehmen. Die Chinesen wollten die beiden nicht reisen lassen, gestatteten dies dann aber doch, nachdem sich der Dalai Lama heimlich um eine zweite Einladung durch den Vizepräsidenten von Indien bemüht hatte. 

Buddha Jayanti (auch Buddha Purnima oder Vesak) wurde wie üblich im Mai gefeiert. Doch bei diesem besonderen Jubiläum zogen sich die Feierlichkeiten über das ganze Jahr hin. So konnten auch der Dalai Lama und der Panchen Lama mit ihren Begleitern noch an dieser Feier teilnehmen, als sie endlich im November 1956 nach Indien reisen durften.

Für den Dalai Lama ging mit dem Besuch von Indien und vor allem von Bodh Gaya ein Traum in Erfüllung, wie er in seinem Buch „Freedom in Exile“ schreibt: „Mein ganzes Leben lang hatte ich mich danach gesehnt, dorthin zu pilgern: Es war der Ort, den ich am liebsten besuchen wollte.“ Der Dalai Lama und die ganze Gruppe besuchten auch noch andere Orte und buddhistische Stätten, und der Dalai Lama gab etliche Unterweisungen. 

Foto: www.dalailama.com

Neben dem religiösen Aspekt war die Reise nach Indien noch aus einem zweiten Grund sehr wichtig für den Dalai Lama: Es gab etliche Begegnungen mit mehreren indischen Politikern. Premierminister Nehru und er trafen sich mehrmals, und er konnte mit ihm ausführlich über die Situation in Tibet sprechen. Er erklärte ihm auch, dass er in Indien bleibe wolle, bis Tibet seine Freiheit auf friedlichem Wege wiedererlangt haben würde. Nehru aber redete ihm zu, nach Tibet zurückzukehren. 

Mehrmals traf der Dalai Lama auch Zhou Enlai. Dieser versicherte ihm schließlich, dass die Reformen der KPCh in Tibet erst durchgeführt werden sollten, wenn der Kashag dem zustimmen würde. Ende Februar 1957 kehrte der Dalai Lama nach Tibet zurück. 

Aufstand und Flucht 

In Lhasa nahmen die Spannungen weiter zu, auch bedingt durch immer mehr Flüchtlinge aus Amdo und Kham und durch immer mehr chinesisches Militär. Am 10. März 1959 kam es zu einem gewaltigen Aufstand gegen die chinesische Besatzung: Es wurde befürchtet, dass der Dalai Lama, der an diesem Tag ganz ohne Begleitung zu einer Theateraufführung in das Hauptquartier der chinesischen Armee kommen sollte, bei dieser Gelegenheit entführt werden würde, und so versammelten sich mehr als 10.000 Menschen am Norbulingka, um ihn am Verlassen seiner Residenz zu hindern. 

Der Besuch im Militärlager wurde abgesagt, die Demonstrationen aber weiteten sich in den folgenden Tagen noch aus. Am 12. März demonstrierten Tausende von Frauen vor dem Potala; Gurteng Kunsang, ihre Anführerin, und einige andere Frauen wurden später von einem Erschießungskommando hingerichtet. 

Am 17. März rief das Nechung-Orakel den Dalai Lama dazu auf, Lhasa noch in derselben Nacht zu verlassen. Als am Nachmittag zwei Mörser am Norbulingka einschlugen, fiel die Entscheidung: Flucht nach Indien. In der Nacht verließen der Dalai Lama, gekleidet wie ein normaler Tibeter, und seine Gefolgsleute heimlich den Norbulingka unter dem Schutz von Mitgliedern der Chushi Gangdrug. 

Offenbar erfuhren die Chinesen erst zwei Tage später von der Flucht und beschossen am 20. März den Norbulingka und die immer noch dort versammelten Menschen. Danach bombardierten sie Lhasa und auch das Kloster Sera. In den folgenden Monaten starben bei weiteren Kämpfen in ganz Tibet rund 87.000 Tibeter, etwa 80.000 flohen nach Indien, Nepal und Bhutan. 

Erste Jahre im Exil 

Am 31. März 1959 erreichten der Dalai Lama und seine Begleiter Indien bei Tawang, wo ihnen Nehru sofort Asyl gewährte. Zunächst wurden sie in Mussoorie untergebracht. Dort gab der Dalai Lama am 20. Juni seine erste Pressekonferenz, in der er vor internationalen Pressevertretern ausführlich über die Situation in Tibet berichtete und das 17-Punkte-Abkommen formell ablehnte. Am 29. April 1960 folgte der Umzug nach Dharamsala, da die indische Regierung diesen Ort auf Dauer für geeigneter hielt. 

Kaum im Exil, verfolgt der Dalai Lama bis heute vor allem drei Ziele: zum einen, dass sich die Tibeter im Exil ihre Kultur und Religion sowie ihre Geschichte bewahren, zum anderen, dass für die Tibeter in Tibet ihre Menschenrechte gewahrt bleiben, also auch ihre Sprache, Kultur und Religion, und schließlich, dass es ein Selbstbestimmungsrecht für die Tibeter gibt und eine friedliche Lösung für Tibet.

So setzte der Dalai Lama bereits am 29. April 1959 den Kashag wieder ein, und noch im selben Jahr wurden ein tibetisches Schulsystem eingeführt und das Tibetan Institute of Performing Arts etabliert. 1963 verkündete er eine demokratische Verfassung, die auch als Modell für ein zukünftiges freies Tibet gedacht ist; einzelne Reformen bei der Regierung, der Central Tibetan Administration (CTA), folgten.

Schon 1959 appellierte die tibetische Regierung im Exil an die UN, sich mit der Tibet-Frage zu befassen. Die Generalversammlung verabschiedete 1959, 1961 und 1965 drei Resolutionen zu Tibet, ohne dass sich jedoch für Tibet etwas änderte. 

Der Dalai Lama erinnert daran, dass wir alle Menschen mit gleichen
Gefühlen und Hoffnungen sind, und ruft auf zu friedlichem Miteinander,
zu Mitgefühl, Respekt, Toleranz und universeller Verantwortung.

Reisen 

Seine ersten Reisen unternahm der Dalai Lama zunächst innerhalb von Indien, wo er auch die tibetischen Siedlungen besuchte, die durch die Flüchtlinge entstanden. Seine ersten Auslandsreisen führten ihn 1967 nach Thailand und Japan und noch einmal 1972 nach Thailand. Dem Schweden Jan Andersson, der nun schon lange in Deutschland lebt, gelang es als Hauptakteur, für den Dalai Lama 1973 die erste Europa-Reise zu organisieren, eine wochenlange Reise in elf Länder, darunter auch Westdeutschland, bei der es u.a. zu Treffen mit Politikern kam. Viele weitere Reisen aus verschiedenen Anlässen und mit zahlreichen Begegnungen sollten folgen. Wohl herausragend dürfte die Reise 1989 nach Oslo gewesen sein, wo der Dalai Lama den Friedensnobelpreis erhielt.

Foto: www.dalailama.com

Auch durch diese Reisen hat der Dalai Lama einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt und viele Unterstützer weltweit für Tibet gewonnen, seien es einzelne Personen oder Gruppen. Darüber hinaus geht es ihm aber auch um das Zusammenleben aller Menschen und um die Verantwortung aller für die Umwelt, und so ruft er immer wieder zu einem friedlichen Miteinander, zu Gewaltlosigkeit und universeller Verantwortung auf. 

Für sein Volk

Seit Jahren verlassen immer mehr Tibeter ihre ursprünglichen Exilgemeinschaften in Indien, Nepal und Bhutan und ziehen vor allem in den Westen. Heute leben ca. 150.000 Tibeter im Exil, davon etwa 72.000 in Indien, etwa 26.000 in den USA, 9.300 in Kanada, 8.000 in der Schweiz und rund 700 in Deutschland. Damit haben die Auslandsreisen des Dalai Lama noch einen Sinn: An vielen der Veranstaltungen nehmen die Tibeter teil, und es gibt auch immer wieder Treffen nur für sie. Der Zusammenhalt der inzwischen weltweit verstreuten tibetischen Exilanten war dem Dalai Lama seit seiner Ankunft im indischen Exil ein wichtiges Anliegen. Dazu gehörte, dass er nur wenige Tage nach seiner Flucht eine Regierung im Exil einsetzte und in den folgenden Jahren die Demokratisierung weiterführte. Heute können alle Exiltibeter an freien Wahlen teilnehmen. Weltweit gibt es einige offizielle Vertretungen der – bis heute nicht anerkannten – Regierung, de facto Botschaften, eine auch in Genf. Das Zentrum der Exilgemeinschaft ist Dharamsala mit dem Sitz der Exilregierung, dem Wohnsitz des Dalai Lama und weiteren tibetischen Einrichtungen sowie Klöstern. In den Exilgemeinschaften tragen Organisationen wie der Tibetan Youth Congress oder die Tibetan Women’s Association und eigene Vereine wie der Verein der Tibeter in Deutschland zum Zusammenhalt bei. Mit der Unterstützung von ihnen, denkt der Dalai Lama, wird „die Kampagne für die Freiheit des tibetischen Volkes“ weitergegeben.

„Wir sind Besucher auf diesem Planeten. Wir sind für neunzig oder höchstens hundert Jahre hier. In dieser Zeit müssen wir versuchen, etwas Gutes, etwas Nützliches mit unserem Leben zu tun. Wenn du zum Glück anderer Menschen beiträgst, wirst du das wahre Ziel, den wahren Sinn des Lebens finden.“

Zukunft 

Wie es einmal mit Tibet weitergehen mag, steht schon länger im Raum. Auf kluge Weise hat der Dalai Lama selbst vorgesorgt: 2011 trat er von seinem Amt als politisches Oberhaupt zurück, und Dr. Lobsang Sangay folgte als erster frei gewählter Sikyong (Ministerpräsident) der Regierung im Exil. Sein Nachfolger wurde 2021 Penpa Tsering. Auch dazu, was einmal seine Wiedergeburt angeht, äußert sich der Dalai Lama schon seit Jahren und erst wieder in „Voices for the Voiceless“: Unmissverständlich macht er klar, dass es eine Wiedergeburt nur in der freien Welt geben wird und diese nur nach den eigenen buddhistischen Traditionen gefunden und ernannt werden kann.

Nun wird Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama im Juli 90 Jahre alt. Vor Jahren schon meinte er, er werde einmal 113 Jahre alt. Die vielen Langlebensgebete, die überall für ihn gesprochen werden, mögen helfen! 

Er wird gebraucht, mit seiner Weisheit, seinem Lachen, mit seinen unermüdlichen Appellen. Mitgefühl, Hoffnung, nicht aufgeben, dazu ruft der Dalai Lama immer wieder auf, jeden von uns: 

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Last modified: 21. April 2026

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