
Tenzin Dolkar Kungashar erzählt, wie aus der Suche nach ihrer tibetischen Identität in Deutschland eine politische Bewegung wurde. „Students for a Free Tibet Berlin“ ist mehr als ein Jugendverein – es ist ein Appell an eine Generation, die zwischen Welten lebt: wach bleiben, sich erinnern, handeln. Ein persönlicher Einblick in Herkunft, Verantwortung und die Hoffnung, dass Tibet nicht nur Geschichte bleibt.
VON TENZIN DOLKAR KUNGASHAR
Die Jugend muss politisch wach bleiben
Ich, Tenzin Dolkar Kungashar, bin in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen. Seit einer Weile lebe ich in Berlin, studiere Betriebswirtschaftslehre und habe für einige Zeit neben dem Studium auch bei der TID in der Verwaltung gearbeitet.
Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, war meine tibetische Identität nie etwas, das ich komplett ausleben konnte. Es war eher eine Suche. Zu Hause sprechen wir Tibetisch und versuchen, unser kulturelles Erbe zu bewahren. Meine Mutter lehrte mich schon von klein auf unsere Sitten und erzählte mir oft Geschichten von meinem Großvater. Er war Kämpfer in der tibetischen Guerillabewegung „Chushi Gangdruk“ (tib. Land der vier Flüsse, sechs Gebirgszüge). Sein Engagement und seine Bereitschaft, für die Freiheit unseres Volkes zu kämpfen, sind für mich bis heute eine Quelle der Inspiration.
In der Schule sprach ich nur Deutsch und lernte, mich zwischen zwei Welten zurechtzufinden
In der deutschen Mehrheitsgesellschaft gab es nur wenig sichtbaren Raum für meine tibetische Identität, doch genau das hat mich darin bestärkt, beide Kulturen bewusst zu leben. In der Schule sprach ich nur Deutsch und lernte, mich zwischen zwei Welten zurechtzufinden. Es gab Momente, in denen ich merkte, wie leicht es ist, im Alltag den Bezug zur eigenen Herkunft aus dem Blick zu verlieren.
Eine Zeit lang hielt ich an der Vorstellung fest, mich nicht mit der geopolitischen Situation Tibets auseinandersetzen zu müssen, rechtfertigte mein Unwissen damit, überfordert zu sein. Erst seitdem ich eigenständig lebe habe ich langsam verinnerlicht, was meine tibetische Identität für mich ausmacht. Ich begann, mich intensiver mit meiner Herkunft zu beschäftigen – nicht nur kulturell, sondern auch politisch. Geschichten aus der Familienhistorie waren mir nicht mehr genug. Ich investierte viel Zeit in das Lesen von alten Artikeln und geschichtlichen Rückblicken.
Unsere Identität darf nicht in der Diaspora verloren gehen. Dies kam in meiner Kindheit zu kurz.
Mit einer Freundin gründete ich einen Jugendverein, um jungen Tibeter* innen hier in Deutschland eine Stimme und eine Community zu geben. Daraus entstand „Students for a Free Tibet Berlin“ – ein lokaler Teil der internationalen Bewegung „Students for a Free Tibet“, die sich für Freiheit, Menschenrechte und den Erhalt unserer Kultur einsetzt. Wir unterstützen und organisieren Demos sowie andere Veranstaltungen mit und vernetzen uns mit Gruppen weltweit. Uns ist wichtig, dass unsere Generation politisch wach bleibt, denn unsere Identität darf nicht in der Diaspora verloren gehen.
Dies kam in meiner Kindheit zu kurz. Umso mehr würde es mich also freuen, wenn dieses Gemeinschaftsgefühl insbesondere für junge Tibeter*innen durch unsere Arbeit gestärkt werden kann. Zum 90. Geburtstag Seiner Heiligkeit wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass wir alle die unerschütterliche Kraft, Weisheit und den Mut finden, seinen Weg weiterzugehen. Sein lebenslanges Engagement für Frieden, Mitgefühl und die Bewahrung unserer tibetischen Kultur ist für uns Zeichen der Inspiration und Hoffnung.
Last modified: 7. August 2025
