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Tibetische Wurzeln und Queerness

Brennpunkt Tibet • Junges Tibet

21. April 2026

Die eigene Sprache, Kultur und Geschichte weitergeben

Passang Dolma erzählt in diesem persönlichen Beitrag von ihrem Weg zwischen tibetischen Wurzeln und queerer Identität. Aufgewachsen in Deutschland, lange entfremdet von ihrer Herkunft, begibt sie sich erst als Erwachsene auf die Suche nach kultureller Zugehörigkeit. Eine prägende Reise nach Indien führt sie zurück zu ihrer Familie – und zu sich selbst. Heute steht sie für ein selbstbestimmtes Leben, in dem Tradition und Queerness kein Widerspruch sind, sondern gemeinsam Raum finden.

VON PASSANG DOLMA

Ich möchte einen kleinen Teil meiner Geschichte teilen. Mein Name ist Passang Dolma. Meine Mutter ist Tibeterin, meinen pakistanischen Vater kenne ich nicht. Meine Amala ist nicht in Tibet groß geworden, sondern in Indien, wohin ihre Eltern vor der chinesischen Besatzung geflohen waren. Als sehr junge Frau kam sie nach Deutschland, allein, ohne ein Umfeld, das ihr vertraut war.

Kurz darauf bekam sie mich. Als Kind lernte ich früh, mich anzupassen. Meine Herkunft rückte ich dabei lange in den Hintergrund. Zu Hause lief Bollywood, weil meine Mutter diese Musik liebte. Aber zur tibetischen Kultur gab es für mich kaum sichtbare Anknüpfungspunkte. Es gab Losar, es gab das Essen meiner Amala, einzelne Erinnerungsinseln, aber kein echtes Gefühl von Verwurzelung. Bis zu meinem fünften Lebensjahr etwa nahm mich meine Mutter regelmäßig mit nach Indien zu unserer tibetischen Familie. Danach sah ich Indien bis zu meinem 31. Lebensjahr nicht mehr. Mein Interesse an meinen tibetischen Wurzeln kam erst viel später. Auch deshalb, weil ich schon früh wusste, dass ich auf Frauen stehe.

Lange glaubte ich, meine Queerness sei mit meiner Kultur nicht vereinbar. Ich war überzeugt, dass meine tibetische Familie in Indien mich nicht verstehen würde. Also fokussierte ich mich auf mein Leben in Deutschland und lebte eher getrennt von meinen Wurzeln. In meinen Zwanzigern litt ich unter Panik- und Angststörungen. Durch Therapien konnte ich viel an meiner psychischen Gesundheit arbeiten, was mir enorm half. Trotzdem blieb der Wunsch, Indien zu besuchen, tief in mir bestehen.

Ich wollte die Verbindungen zu meiner Familie und meiner Kultur wiederentdecken, hauptsächlich für mich selbst, doch auch für meine Mutter, die sicher glücklich wäre, wenn ich unsere Kultur weitertrage und wir uns auf Tibetisch unterhalten könnten. Doch aufgrund meiner Panik- und Angstattacken fehlte mir lange die innere Stabilität, diesen Reisewunsch nach Indien umzusetzen. Dies erreichte ich erst mit 31 Jahren, als ich mich schließlich entschied, wieder nach Indien zu reisen, mit dem Ziel, alte Bilder meiner Kindheit durch neue Erfahrungen zu ergänzen. Die Reise veränderte alles. Ich erlebte wunderschöne Momente, fühlte mich leichter und freier und war zutiefst glücklich, meine tibetische Familie wiederzusehen.

Gleichzeitig brach es mir das Herz, nicht richtig mit ihnen sprechen zu können, weil mir die tibetische Sprache fehlte. Zurück in Deutschland wusste ich sofort, dass ich nach Indien zurückkehren möchte. Nicht aus Flucht, sondern aus Sehnsucht. In Dharamsala möchte ich Tibetisch lernen. Als Kind konnte ich die Sprache fließend sprechen. Jetzt möchte ich sie noch einmal lernen, um mich mit meinen Wurzeln zu verbinden und das weiterzugeben, was sonst leise verloren geht: Sprache, Kultur, Geschichte. Heute weiß ich, dass ich mich nicht entscheiden muss. Ich darf meine Wurzeln und meine Queerness gleichzeitig leben, offen, ohne Angst. Ich bin endlich mutig genug, beidem Raum zu geben, weil beides Teil meiner Identität ist. Am Ende zählt nicht, welche Herkunft wir haben oder wen wir lieben, sondern wie wir als Menschen miteinander umgehen.

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Last modified: 21. April 2026

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