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Unsere Geschichte erzählen wir selbst

02/2026 • Brennpunkt Tibet • Kommentar

3. November 2026

Kommentar von Norzin Gengar

Foto: Norzin Gengar, Co-Präsidentin von Students for a Free Tibet Österreich

„Deine Vorfahren waren tibetische Aristokraten!“ Diesen Satz habe ich inzwischen so oft unter unseren Videos gelesen, dass ich fast enttäuscht bin, keiner aristokratischen Familie anzugehören. Tatsächlich waren meine Vorfahren, soweit ich weiß, ganz gewöhnliche tibetische Nomaden. Als Co-Präsidentin von Students for a Free Tibet Austria begegne ich solchen Kommentaren online regelmäßig. Wir versuchen, Tibet wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Die Situation in Tibet ist meiner Wahrnehmung nach zunehmend in Vergessenheit geraten. Über soziale Medien erreichen wir junge Menschen mit Informationen und humorvollen Sketchen über die Widersprüche der chinesischen Regierung.

Unter unseren Beiträgen verbreiten Accounts immer wieder dieselben Behauptungen: Mao Zedong habe Tibet „befreit“, tibetische Aktivist:innen würden von der CIA finanziert und unsere Kritik sei nichts weiter als westliche Propaganda. Dass die chinesische Regierung versucht, die Wahrnehmung ihrer eigenen Geschichte und jener Tibets zu kontrollieren, ist nichts Neues. Im Zeitalter sozialer Medien sind lediglich die Methoden moderner geworden. Zwischen idyllischen Reisevideos, Influencer-Beiträgen und politischen Kommentaren entsteht ein Bild von Tibet, in dem für Unterdrückung und fehlende Freiheitsrechte kaum Platz bleibt.

Ob hinter diesen Accounts echte Menschen oder Bots stecken, weiß ich nicht. Für Mitlesende macht das zunächst keinen Unterschied. Die Behauptungen stehen da, werden wiederholt und bleiben ohne Widerspruch womöglich hängen. Manchmal ist das entmutigend. Wie oft soll man noch erklären, dass die sogenannte „Befreiung“ Tibets mit Gewalt, der Niederschlagung des tibetischen Widerstands und dem Verlust der Heimat und Freiheit unzähliger Tibeter:innen einherging? Wie oft soll man dieselben Anschuldigungen widerlegen, wenn das Gegenüber offenbar nicht an einem ehrlichen Austausch interessiert ist? Und trotzdem fällt mir immer wieder etwas auf: Unter solchen Kommentaren findet sich fast immer auch eine tibetische Stimme, die widerspricht. Denn wir antworten nicht unbedingt, um die Person hinter dem Kommentar zu überzeugen. Wir antworten für diejenigen, die still mitlesen.

Ein Video über Tibet erreicht auch Menschen, die kaum etwas über unsere Geschichte wissen. Wenn sie darunter ausschließlich Behauptungen über eine angebliche Befreiung oder von der CIA bezahlte Aktivist:innen lesen, können diese leicht als Tatsachen wahrgenommen werden. Eine einzige Gegenstimme kann ausreichen, damit jemand innehält, hinterfragt und sich selbst informiert. Soziale Medien sind auch ein Raum, in dem wir um die Wahrnehmung unserer Realität und unserer Geschichte kämpfen.

Als junge Tibeter:innen im Exil können wir öffentlich über Dinge sprechen, über die viele Menschen in Tibet selbst nicht frei sprechen können. Das verleiht unseren Stimmen eine besondere Bedeutung und bringt zugleich Verantwortung mit sich. Wenn wir diesen digitalen Raum nicht mitgestalten, überlassen wir es China, unsere Geschichte zu erzählen. Vielleicht werde ich morgen wieder denselben Kommentar lesen. Und vielleicht werde ich wieder antworten. Nicht, weil ich glaube, die Person dahinter überzeugen zu können, sondern weil jemand anderes mitliest. Die chinesische Regierung mag kontrollieren können, welche Geschichten innerhalb Tibets erzählt werden dürfen. Welche Geschichten außerhalb Tibets gehört werden, darf sie nicht allein bestimmen.

Norzin Gengar ist Co-Präsidentin und Mitbegründerin von Students for a Free Tibet Austria. Sie studiert Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien und engagiert sich für Menschenrechte und die Selbstbestimmung Tibets. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darauf, junge Menschen durch Social-Media-Inhalte über die Situation in Tibet aufzuklären und tibetischen Perspektiven mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

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Last modified: 3. November 2026

China Menschenrechte Tibet Tibet Initiative Deutschland Transnationale Repression

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