
Im Interview mit Dr. Carola Roloff geht es um Selbstverbrennungen als politische Protestform in Tibet und ihre Einordnung aus buddhistischer Sicht. Sie spricht über die Motivation der Betroffenen und darüber, wie ihrer gedacht werden kann, ohne Selbstverbrennungen zu heroisieren.
VON AUXILIA PHUNG
Frau Dr. Roloff, Sie sind Wissenschaftlerin und ordinierte buddhistische Nonne. Wie erleben Sie persönlich die Spannung zwischen Mitgefühl für Menschen, die sich selbst verbrennen, und dem buddhistischen Ideal, Leben zu bewahren?
Diese Spannung lässt sich für mich nicht vollständig auflösen. Meine erste Reaktion, als ich von der erneuten Selbstverbrennung vor den Vereinten Nationen in New York gehört habe, war tiefe Erschütterung. Ich hatte gehofft, dass es mit dieser Form des Protests vorbei ist.
Ich möchte nicht aus der Entfernung über Menschen richten. Wir können nicht in sie hineinschauen und wissen nicht, warum Einzelne keinen anderen Weg mehr sehen, um die Welt auf das Leiden des tibetischen Volkes aufmerksam zu machen. Als buddhistische Nonne bin ich aber zugleich dem Grundsatz verpflichtet, Leben zu schützen. Das menschliche Leben gilt als außerordentlich kostbar, weil es die Möglichkeit bietet, Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln und zum Wohl anderer tätig zu sein.
Deshalb wünsche ich mir, dass Menschen ihr Leben bewahren und andere Formen des Widerstands finden. Mitgefühl bedeutet für mich beides: die Verzweiflung und politische Motivation der Selbstverbrenner ernst zu nehmen und zugleich klar zu sagen, dass ihr Tod nicht zum Vorbild für weitere Menschen werden darf. Ich kann die Motivation achten, ohne die Handlung als die beste Form des Protests oder gar als etwas Heiliges gutzuheißen.
Ich war 2011 in einem Kloster in Indien, als es zu einer Selbstverbrennung kam. Im Gespräch mit Mönchen habe ich damals eine große Bewunderung für diese Tat erlebt. Einige erzählten mir, es gebe weitere Menschen, die bereit seien, sich ebenfalls zu opfern. Das hat mich sehr erschüttert. Denn aus Sicht der buddhistischen Ethik muss man eine solche Tat auch kritisch betrachten.
Seit 2009 haben sich mehr als 160 Tibeterinnen und Tibeter in Tibet aus Protest gegen die Politik der chinesischen Regierung selbst verbrannt. Wie ist diese Protestform aus buddhistischer Sicht einzuordnen?
Darauf gibt es keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort. Die erste buddhistische Regel lautet, kein Leben zu nehmen, also nicht zu töten. Das schließt grundsätzlich auch das eigene Leben ein. Eine Selbstverbrennung verletzt den eigenen Körper und führt in den meisten Fällen zum Tod. In diesem Sinne steht sie in deutlicher Spannung zur buddhistischen Ethik.
Bei Selbstverbrennungen handelt es sich handelt sich oftmals um Menschen, die dieses Mittel wählen, um auf einen politischen Missstand in Tibet hinzuweisen. Genau das macht die ethische Einordnung so kompliziert.
Es gibt allerdings buddhistische Erzählungen, in denen ein Bodhisattva seinen Körper zum Wohl anderer hingibt, etwa die Geschichte eines Bodhisattvas, der sich einer hungernden Tigerin opfert. Solche Erzählungen beschreiben jedoch außergewöhnliche Handlungen eines hochentwickelten Bodhisattvas. Sie sind keine allgemeine Aufforderung zur Selbsttötung und dürfen nicht vorschnell zur Rechtfertigung politischer Selbstverbrennungen herangezogen werden.
Selbstverbrennungen können in einer buddhistischen Symbolsprache als Selbsthingabe oder Opfer verstanden werden. Daraus folgt aber nicht, dass sie buddhistisch geboten oder empfehlenswert wären.
Gleichzeitig sind diese Selbstverbrennungen nicht einfach mit einem Suizid aus persönlicher Verzweiflung gleichzusetzen. Es handelt sich oftmals um Menschen, die dieses Mittel wählen, um auf einen politischen Missstand in Tibet hinzuweisen. Genau das macht die ethische Einordnung so kompliziert.

Welche Bedeutung hat dabei die Motivation der Menschen?
Die Motivation ist in der buddhistischen Ethik von zentraler Bedeutung. Man kann eine Handlung nicht nur nach dem Äußeren beurteilen, sondern muss auch betrachten, welche Motivation dahintersteht. Es macht einen Unterschied, ob jemand aus Hass oder persönlicher Verzweiflung handelt oder aus dem Wunsch heraus, andere Menschen aufzurütteln und seinem Volk zu helfen.
Bei den Selbstverbrennungen weist auch die letzte Botschaft der Menschen häufig auf eine politische und möglicherweise altruistische Motivation hin. Sie wollten keine anderen Menschen verletzen, sondern auf die Bedrohung Tibets oder auf konkrete politische Entwicklungen aufmerksam machen.
Es waren konkrete Menschen mit Familien und Lebensgeschichten, sie waren politische Akteure mit einer bestimmten Botschaft und ihr Tod bleibt eine menschliche Tragödie.
Aber eine gute oder selbstlose Absicht macht nicht automatisch jedes Mittel heilsam. Man kann nicht sagen: Wenn meine Motivation stimmt, kann ich alles tun. Zur buddhistischen Ethik gehört auch die Frage nach den Folgen einer Handlung: Entsteht dadurch neues Leiden? Bei Angehörigen oder innerhalb der Gemeinschaft? Besteht die Gefahr der Nachahmung?
Außerdem können wir von außen niemals mit letzter Sicherheit wissen, was im Bewusstsein eines Menschen im entscheidenden Augenblick vor sich ging. Deshalb sollten wir weder über seine geistige Verfassung urteilen noch ihn zum Bodhisattva erklären. Wir können die erklärte Motivation respektieren und dennoch die Handlung kritisch betrachten.
In Teilen der tibetischen Gemeinschaft werden Menschen, die sich selbst verbrannt haben, als Heldinnen und Helden oder Märtyrer erinnert. Wie sollte mit diesem Gedenken umgegangen werden?
Ihre Bilder werden bei Gedenkveranstaltungen getragen, für sie werden Gebete gesprochen und ihre Namen bleiben mit dem politischen Widerstand verbunden.
Ich halte es für angemessen, drei Dimensionen im Blick zu behalten: Es waren konkrete Menschen mit Familien und Lebensgeschichten, sie waren politische Akteure mit einer bestimmten Botschaft und ihr Tod bleibt eine menschliche Tragödie.
Auch Lobga Rangzen wird vermutlich als außerordentlich engagierter Tibet-Aktivist in Erinnerung bleiben. Seine Tat sollte jedoch nicht zur Norm dafür werden, wie Hingabe an Tibet auszusehen hat.
Selbstverbrennungen werden teilweise als radikalste Form gewaltfreien Widerstands beschrieben. Würden Sie dem zustimmen?
Ich würde diese Formulierung nur mit einer wichtigen Einschränkung verwenden. Eine Selbstverbrennung richtet sich nicht gegen das Leben anderer. In diesem Sinne unterscheidet sie sich grundlegend von einem Attentat. Sie richtet aber extreme Gewalt gegen den eigenen Körper. Sie ist also gewaltfrei gegenüber anderen, aber nicht frei von Gewalt gegen sich selbst.
Wenn man sie als höchste oder radikalste Form gewaltfreien Widerstands bezeichnet, besteht die Gefahr einer Hierarchie des Opfers – als sei der Einsatz für Tibet umso glaubwürdiger, je mehr ein Mensch bereit ist, den eigenen Körper zu zerstören. Das halte ich für gefährlich.
Manchmal verlangt es ebenso viel Mut, weiterzuleben, über Jahrzehnte beharrlich zu arbeiten, die tibetische Sprache und Kultur weiterzugeben, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und politische Öffentlichkeit herzustellen. Solche langfristigen Formen des Widerstands wirken weniger dramatisch, können aber nachhaltiger sein.
Ich würde deshalb von einer extremen Form politischen Protests sprechen, die darauf verzichtet, andere Menschen anzugreifen, zugleich aber verheerende Gewalt gegen die eigene Person ausübt.
Manchmal verlangt es ebenso viel Mut, weiterzuleben, über Jahrzehnte beharrlich zu arbeiten, die tibetische Sprache und Kultur weiterzugeben, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und politische Öffentlichkeit herzustellen.
Welche Verantwortung tragen Medien, Politik und Öffentlichkeit im Umgang mit Selbstverbrennungen aus politischem Protest?
Zunächst sollte es um den Menschen gehen: Wer war dieser Mensch? Wie hat er gelebt? Wie hat er sich für Tibet engagiert? Danach sollte über seine politische Botschaft gesprochen werden. Vielleicht hat die Person selbst etwas hinterlassen, das erklärt, warum sie zu diesem Mittel gegriffen hat.
Ich halte es dagegen nicht für gut, über spektakuläre Bilder der Selbstverbrennung zu gehen. Wir sollten diese Taten nicht heroisieren und keine Nachahmung begünstigen. Gleichzeitig müssen wir ihre politischen Ursachen benennen.
Und wir sollten gewaltfreie Alternativen stärken. Wir müssen uns fragen: Welche anderen Möglichkeiten des Protests gibt es, die vielleicht sogar wirksamer sind?
Denn langfristiger Widerstand kann ebenfalls ein großes Opfer bedeuten: Abschottung zur Familie und Community in Tibet, politische Verfolgung, Einreiseverbot nach Tibet und vieles mehr. Wenn Tibeterinnen und Tibeter ihr ganzes Leben in den Dienst der Sache Tibets stellen, hat das für mich eine andere Qualität. Genau das braucht diese Sache auch: Menschen, die dranbleiben und weiterhin versuchen, etwas zu verändern.
Hinweis: Dieses Interview ist ein Auszug aus unserer Podcastfolge „Selbstverbrennung als Protestform“. Das vollständige Gespräch findet ihr in unserem Podcast „Brennpunkt Tibet“ auf Podbean, Spotify und überall dort, wo es Podcasts gibt.
Dr. Carola Roloff ist Tibetologin, Buddhismuswissenschaftlerin und buddhistische Nonne. Sie beschäftigt sich seit über vierzig Jahren mit Buddhismus in Forschung und Praxis. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören buddhistische Ethik, sozial engagierter Buddhismus, Menschenrechte und der interreligiöse Dialog.
Last modified: 3. November 2026
