Schon als Kind ging Tsering Lhanze mit ihren Eltern auf Demonstrationen.

Die 17-jährige Tsering Lhanze spricht über ihr politisches Engagement, die Bedeutung Tibets für den globalen Klimaschutz, die Folgen der Umweltzerstörung auf dem tibetischen Hochland sowie ihre persönliche Verbindung zur tibetischen Kultur und warum sie heute selbst ihre Stimme für Tibet erhebt.
VON TSERING LHANZE
Als ich am 12. September beim Klimastreik teilnahm, wollte ich über Tibet sprechen. Vielleicht ist das nicht das Erste, woran viele Menschen denken, wenn es um die Klimakrise geht. Für mich gehört beides aber unmittelbar zusammen. Tibet ist meine Heimat und die Heimat meiner Familie, aber das tibetische Hochland ist zugleich eine der ökologisch wichtigsten Regionen unserer Erde. Was dort geschieht, betrifft nicht nur uns Tibeterinnen und Tibeter.
Tibet wird als „Dritter Pol“ und als „Wasserturm Asiens“ bezeichnet. Seine Gletscher, Flüsse und Feuchtgebiete versorgen mehr als zwei Milliarden Menschen mit Wasser. Gleichzeitig verändert sich diese empfindliche Landschaft. Gletscher ziehen sich zurück, Permafrost taut, und große Staudämme, Bergbau und Infrastrukturprojekte greifen immer stärker in die Natur ein. Wenn wir über Klimagerechtigkeit sprechen, müssen wir deshalb auch fragen: Entwicklung für wen und zu welchem Preis?
Wie verletzlich diese Region ist, hat die Sturzflut Ende August in Tibet und Nepal auf schreckliche Weise gezeigt. Für mich macht sie noch einmal deutlich, warum wir Tibet nicht als weit entfernten Ort betrachten können. Flüsse und Natur kennen keine politischen Grenzen. Wenn sich das tibetische Hochland verändert, reichen die Folgen weit über Tibet hinaus. Genau darüber wollte ich beim Klimastreik sprechen. Klimaschutz bedeutet für mich nicht nur, darüber zu reden, was wir in Zukunft verändern müssen. Wir müssen auch schützen, was bereits da ist, und dürfen nicht hinnehmen, dass empfindliche Ökosysteme wirtschaftlichen oder politischen Interessen geopfert werden.
Vielleicht ist mir das auch deshalb so wichtig, weil Tibet für mich nie etwas Abstraktes war. Meine Eltern kommen beide aus Tibet und sind politisch aktiv. Seit meiner Kindheit gehe ich mit ihnen zu Demonstrationen. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie wichtig es ist, unsere Kultur selbst weiterzutragen. Ich besuche die tibetische Sonntagsschule in Berlin, lerne Tibetisch, Tanz und Traditionen und engagiere mich bei Students for a Free Tibet Berlin. Tibet bedeutet für mich deshalb nicht nur, über Politik zu sprechen. Es bedeutet auch, etwas zu bewahren, das zu mir gehört.
Ich bin mit Demonstrationen und politischem Engagement aufgewachsen. Aber heute geht es mir nicht mehr nur darum, dabei zu sein. Ich möchte selbst meine Stimme nutzen und über das sprechen, was mir wichtig ist. Mit 17 kann ich vielleicht nicht alles verändern, aber ich kann dazu beitragen, dass Tibet gesehen und gehört wird und dass Menschen verstehen, warum das, was dort geschieht, auch ihre Zukunft betrifft.
Am Ende meiner Rede habe ich gesagt, dass die Erde nicht einfach etwas ist, das wir ausbeuten können. Wir sind selbst ein Teil von ihr. Für mich gehört dazu auch Tibet. Ich möchte, dass meine Generation eines Tages nicht nur davon erzählt, was verloren gegangen ist. Ich möchte, dass es noch etwas gibt, das wir weitergeben können.
Last modified: 3. November 2026
