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Fünf Fragen an Dr. Klement Ruey-sheng GU

02/2026 • Brennpunkt Tibet • Fünf Fragen

3. November 2026

Repräsentanten der Taipeh-Vertretung in Deutschland

Foto: Dr. Klement Ruey-sheng Gu, Repräsentant Taiwans in Deutschland

Porträt von Herrn Dr. Klement Ruey-sheng Gu, Repräsentant Taiwans in Deutschland: Er spricht über die zunehmenden militärischen Spannungen zwischen Taiwan und China, die Gemeinsamkeiten zwischen Taiwan, Tibet und Tiananmen, die Lehren aus den Entwicklungen in Tibet und Hongkong sowie die Rolle Europas und Deutschlands beim Schutz von Demokratie, Freiheit und internationaler Sicherheit.

VON AUXILIA PHUNG

Herr Dr. Gu, China führt regelmäßig Militärmanöver rund um Taiwan durch. Wie bewertet die taiwanische Regierung die jüngsten Manöver?

Taiwan und die Volksrepublik China sind einander nicht untergeordnet. Taiwan war und ist kein Teil der Volksrepublik China. Die Zukunft Taiwans darf daher weder einseitig durch China noch mit militärischer Gewalt bestimmt werden. Solche Manöver stellen nicht nur eine Bedrohung für Taiwan dar, sondern missachten auch Grundsätze des internationalen Rechts, etwa der Freiheit der Navigation. Sie können zudem erhebliche negative Folgen für Stabilität und Sicherheit haben, sowohl im Indopazifik als auch für die globale Wirtschaft.

Das wird besonders deutlich, wenn man Taiwans Rolle in den globalen Technologie- und Lieferketten betrachtet. Taiwan produziert einen großen Teil der weltweiten Halbleiter, rund zwei Drittel insgesamt und etwa 90 Prozent der fortschrittlichsten Chips. Gleichzeitig verlaufen etwa 50 Prozent des weltweiten Schiffsverkehrs durch die Taiwanstraße. Deshalb bewerten wir die Lage als sehr ernst. Es geht dabei nicht nur um Taiwan, sondern auch um die Interessen der internationalen Gemeinschaft, insbesondere demokratischer Staaten. Länder wie Deutschland, deren Wirtschaft stark exportorientiert ist und die eng mit dem Indopazifik verbunden sind, wären von einer Eskalation ebenfalls erheblich betroffen.

Oft wird von den „drei Ts“ gesprochen: Taiwan, Tibet und Tiananmen. Welche gemeinsamen Muster sehen Sie im Umgang der chinesischen Regierung mit diesen Themen?

Die sogenannten „drei Ts“ – Taiwan, Tibet und Tiananmen gehören für die chinesische Regierung zu den besonders sensiblen und tabuisierten Themen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie eng mit Fragen von Freiheit und Menschenrechten verbunden sind. Werte, die international als universell gelten, werden in China stark eingeschränkt. In Taiwan werden diese Werte heute frei gelebt, trotz anhaltenden Drucks aus China. In Tibet hingegen werden grundlegende Rechte weiterhin eingeschränkt. Das Tiananmen-Massaker von 1989 wiederum steht bis heute für die gewaltsame Niederschlagung der damaligen Demokratiebewegung.

Auffällig ist, dass der Umgang mit diesen Themen kein Einzelfall ist, sondern einem klaren Muster folgt: Dazu gehören Desinformation, die gezielte Verzerrung von Narrativen, wirtschaftlicher Druck sowie transnationale Repression und Einflussnahme im Ausland. Ziel ist es, Kritik zu kontrollieren und internationale Unterstützung für diese Themen zu begrenzen. Deshalb betreffen diese Fragen nicht nur Taiwan, Tibet oder die Erinnerung an Tiananmen. Sie berühren auch die internationale Gemeinschaft insgesamt, insbesondere wenn es um den Schutz von Meinungsfreiheit, Menschenrechten und einer regelbasierten internationalen Ordnung geht.

Welche Lehren zieht Taiwan aus der Entwicklung in Tibet und aus den Erfahrungen Hongkongs, insbesondere mit Blick auf zugesagte Autonomie und deren Einhaltung durch die Kommunistische Partei Chinas?

Taiwan zieht aus den Entwicklungen in Tibet und Hongkong vor allem eine zentrale Lehre: Zusagen der chinesischen Führung zur Autonomie sind in der Praxis nicht verlässlich. Das Konzept „Ein Land, zwei Systeme“ wurde ursprünglich auch als mögliches Modell für Taiwan gedacht. Die Entwicklungen in Hongkong haben jedoch gezeigt, dass zugesagte Freiheiten und Autonomierechte schrittweise eingeschränkt wurden. Auch das Beispiel Tibet verdeutlicht, dass Versprechen aus Peking langfristig nicht eingehalten werden. Für Taiwan ist daher klar, dass die eigene Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung nicht auf solchen Modellen basieren können. Vor diesem Hintergrund setzt Taiwan auf die Stärkung seiner eigenen Verteidigungsfähigkeit und demokratischen Institutionen sowie auf enge Partnerschaften mit anderen Demokratien.

Welche Erwartungen hat Taiwan an die internationale Gemeinschaft, insbesondere an Europa und Deutschland?

Taiwan erwartet von der internationalen Gemeinschaft vor allem eines: klare Unterstützung für Frieden, Stabilität und die regelbasierte internationale Ordnung. Das bedeutet erstens, dass Spannungen in der Taiwanstraße friedlich und ohne Zwang gelöst werden sollten. Zweitens wünschen wir uns, dass Taiwan aktiv an den Vereinten Nationen teilnehmen kann und sinnvoll in internationale Organisationen eingebunden wird, etwa in Bereichen wie Gesundheit, Luftfahrt oder Klimaschutz, wo Taiwan einen konkreten Beitrag leisten kann.

Für Europa und insbesondere Deutschland sehen wir eine wichtige Rolle als Wertepartner. Deutschland setzt sich für Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und freien Handel ein. In diesen Bereichen haben wir viele gemeinsame Interessen. Gleichzeitig wünschen wir uns eine weitere Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, gerade in Schlüsseltechnologien. Ebenso wichtig ist die Stärkung der Resilienz und die Verringerung einseitiger Abhängigkeiten. Taiwan hat hier eigene Erfahrungen gemacht und ist bereit, diese mit gleichgesinnten Ländern zu teilen. So ist der Anteil taiwanischer Auslandsinvestitionen in China in den letzten Jahren deutlich gesunken, von rund 80 Prozent auf etwa 3 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig verzeichnet Taiwan ein starkes Wirtschaftswachstum von rund 8 Prozent. In diesem Zusammenhang begrüßen wir auch eine stärkere Präsenz europäischer Partner im Indopazifik, etwa durch regelmäßige und routinemäßige Durchfahrten der deutschen Marine durch die Taiwanstraße im Einklang mit dem Völkerrecht. Kurz gesagt: Taiwan sucht keine Sonderbehandlung, sondern partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Grundlage gemeinsamer Werte und Interessen.

Wenn Sie auf die kommenden fünf bis zehn Jahre blicken: Was gibt Ihnen Hoffnung und was bereitet Ihnen die größten Sorgen in Bezug auf Frieden und Stabilität in Taiwan?

Was mir Hoffnung gibt, ist vor allem die Stärke und Resilienz unserer Gesellschaft. Taiwan ist eine gefestigte Demokratie mit einer aktiven Zivilgesellschaft und einer hochinnovativen Wirtschaft. Gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz spielt Taiwan eine Schlüsselrolle, insbesondere bei Halbleitern und anderen Hochtechnologien, die weltweit unverzichtbar sind. Gleichzeitig vertiefen viele Länder ihre Zusammenarbeit mit Taiwan, weil sie stabile und verlässliche Partnerschaften suchen. Sorgen bereitet uns vor allem der zunehmende Druck aus China, vor allem wegen der Durchführung von militärische Aktivitäten, aber auch durch Desinformation und andere Formen hybrider Einflussnahme. Diese Entwicklungen erhöhen das Risiko von Fehlkalkulationen und Spannungen in der Region.

Für die kommenden Jahre wird entscheidend sein, Frieden und Stabilität aktiv zu schützen. Taiwan wird weiterhin in seine eigene Verteidigungsfähigkeit investieren und eng mit internationalen Partnern zusammenarbeiten. Gleichzeitig erwarten wir, dass internationale Regeln respektiert werden und Differenzen nicht durch Druck oder Drohungen, sondern auf friedlichem Wege gelöst werden.

Dr. Klement Ruey-sheng Gu, ist seit 2025 Repräsentant Taiwans in Deutschland. Seit seinem Eintritt in den taiwanischen Auswärtigen Dienst 1991 war er im Außenministerium und an Vertretungen in Europa tätig, darunter als Erster Sekretär und stellvertretender Repräsentant in Berlin. Von 2022 bis 2025 vertrat er Taiwan in Schweden. Gu promovierte an der Universität Bonn in Rechtswissenschaften und lehrte Internationale Beziehungen und Strategische Studien an der Tamkang Universität in Taiwan.

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Last modified: 3. November 2026

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