
Weltweit leben etwa 120.000 bis 150.000 Tibeter im Exil, unter anderem im indischen Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung. Die Flucht über den Himalaya ist lebensgefährlich – besonders für Kinder und Jugendliche, die in den vergangenen Jahrzehnten zu Tausenden versuchten, das Land zu verlassen. Neben Kälte, Eis und Schnee macht heute vor allem die rigide Grenzpolitik Chinas die Flucht so gut wie unmöglich. In den letzten Jahren wurde das Aufgebot an Grenztruppen noch einmal massiv verstärkt. Und diese gehen mit unerbitterlicher Härte gegen tibetische Flüchtlinge vor.
/ Fast die Hälfte der Tibeter, die ihr Land verlassen, sind Mönche und Nonnen. Sie fliehen ins Exil, um ihre Religion praktizieren zu können, was ihnen aufgrund der Repressionen durch die chinesische Regierung in Tibet nicht möglich ist.
/ Etwa 30 Prozent, sind Schüler und Studenten, die von ihren Eltern auf tibetische Schulen im Ausland geschickt werden, damit sie ihre Muttersprache lernen und die tibetische Kultur pflegen können. Andere verlassen Tibet, da sie keine Arbeit finden oder von ihrem Land vertrieben wurden, um Platz für Tourismusstätten und Bergbaugesellschaften zu machen.
/ Ehemaligen politischen Gefangenen bleibt kaum eine andere Chance, als das Land zu verlassen, denn in Tibet wird ihnen der Zugang sowohl zu den Klöstern als auch zu einem Anstellungsverhältnis verwehrt.
Flüchtlinge aus Tibet werden in Nepal lediglich geduldet. Von der nepalesischen Regierung haben sie nicht viel zu erwarten, denn China macht seinen Einfluss geltend. China gibt viel Geld, um die Infrastruktur Nepals aufzubauen, diese Entwicklungshilfe gibt es aber nicht umsonst. Den Notstand in Nepal nutzt die chinesische Regierung geschickt für sich aus und erwartet als Gegenleistung eine schärfere Grenzpolitik. Nepalesische Sicherheitskräfte, die Tibeter ausliefern, erhalten eine finanzielle Belohnung. Der zunehmende Einfluss Chinas in Nepal spielt hierbei sicherlich ein Rolle. Früher kamen etwa 3.000 Tibeter jährlich nach Nepal, heute liegen die Schätzungen zwischen 50 und 200. Insbesondere für junge Tibeter gibt es keine Perspektiven im Land. Es gibt weder die Möglichkeit, sich in den nepalesischen Alltag zu integrieren, noch die tibetische Identität zu leben. Schon seit 1990 gewährt Nepal den tibetischen Flüchtlingen keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung mehr. Heute sind die meisten gezwungen, sich illegal im Land aufzuhalten.
Seit 1959 nimmt Indien mit über 94.000 Personen die meisten tibetischen Flüchtlinge auf. Das Land genehmigte auch den Aufbau einer eigenen Regierung. Tibet verfügt daher über eine tibetische Exilregierung mit Sitz in Dharamsala. Nach einem harten Start im Exil, bei dem Tausende Tibeter, vor allem durch Erkrankungen aufgrund des ungewohnten warmen Klimas, starben, schaffte es die tibetische Exilregierung eine Infrastruktur für die Flüchtlinge aufzubauen. Es entstanden Krankenhäuser, Schulen, Auffangzentren und Klöster, die in Tibet zerstört worden waren und in Indien wieder aufgebaut wurden. Die Unterstützung von ausländischen Spenden hat in den letzten zwei Jahrzehnten dazu geführt, dass es den meisten Tibetern in Indien vergleichsweise gut geht. Trotz streng bewachter Grenzen erreichen auch heute noch tibetische Flüchtlinge Indien. Dort erhalten sie jedoch kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht und nur wenige Tibeter beantragen und erhalten die indische Staatsbürgerschaft. Aus diesem Grund bleiben sie „Fremde“, was die Tibeter in ihrem Leben in vielerlei Hinsicht einschränkt, z.B. bezüglich des Erwerbs von Besitztum, einer Anstellung und der Freiheit sich innerhalb und außerhalb Indiens zu bewegen. Ihre Situation ist geprägt von Unsicherheit, da die Möglichkeit, zurück nach China abgeschoben und inhaftiert zu werden, weiterhin besteht. In den letzten Jahren hat eine politische Annäherung zwischen Indien und China stattgefunden, dennoch bleibt der Schutz der tibetischen Gemeinde bis jetzt für die indische Regierung nicht verhandelbar, anders als in Nepal.
Chinas Schatten über tibetischen Flüchtlingen in Nepal (Deutsche Welle, 23.06.2016)
Chinas Tibet-Politik in Nepals Trümmerlandschaft (Brennpunkt Tibet 3|2015)
Beitrag: „Nepal – Tibeter werden weniger“ (Deutschlandfunk, 03.01.2015)
http://www.tibetjustice.org/wp-content/uploads/2016/09/TJCIndiaReport2016.pdf
Lauer, Tina: „Wir sind keine kleinen Dalai Lamas“ Peter Lang AG, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Bern 2013, S. 28-33

(c) The Tibet Museum
März 1959: Die chinesische Besatzungsmacht hatte die tibetische Hauptstadt Lhasa umstellt. Die Tibeter flehten den Dalai Lama an, zu seiner eigenen Sicherheit das Land zu verlassen. Während des Volksaufstandes floh er als Soldat verkleidet aus Lhasa, kurz bevor der Potala-Palast vom chinesischen Militär bombardiert wurde. Nach einem tagelangen Marsch über den Himalaya erreichte er am 31. März die indische Grenze. Der indische Premierminister Nehru gewährte ihm politisches Asyl.
Etwa 60.000 Tibeter folgten dem Dalai Lama unmittelbar ins Exil. In Gruppen überquerten sie den Himalaja, meist barfuß und kaum ausgerüstet für den strapaziösen Marsch. Viele starben auf dem Weg an Hunger, Kälte oder Krankheit oder wurden von Angehörigen der chinesischen Armee erschossen.