Eine diplomatische Gratwanderung

Der Mittlere Weg

Kalligraphie von Puntsok Tsering
Kalligraphie - der Mittlere Weg

1988 verzichtete der Dalai Lama in seiner Straßburger Rede erstmals auf die Unabhängigkeit Tibets. Seither wirbt er für den Mittleren Weg (tib. Umaylam, engl. Middle Way Approach). Die tibetische Exilregierung bekennt sich, auch nachdem der Dalai Lama alle politischen Ämter abgegeben hat, weiterhin zur Politik des Mittleren Weges und fordert eine echte Autonomie für Tibet innerhalb des chinesischen Staatsverbandes.

Echte Autonomie statt Unabhängigkeit

Wie diese "echte Autonomie" genau aussieht, wurde nach zahlreichen Verhandlungsrunden in den Jahren 2002 bis 2010 von den tibetischen Unterhändlern in einem Memorandum zusammengefasst. Die chinesische Führung behauptet jedoch, das Memorandum beinhalte Hinweise auf ein "Groß-Tibet", "verdeckte Unabhängigkeit" und auf "Unabhängigkeit in anderem Gewand".

Um diese Annahmen zu widerlegen, erläuterte die tibetische Seite in der Note zum Memorandum was sie genau unter echter Autonomie für das tibetische Volk innerhalb der Volksrepublik China, ihrer Verfassung, ihrer territorialen Integrität und ihrer drei nicht verhandelbaren Punkte versteht. So stellen die Tibeter weder die Führungsrolle der Kommunistischen Partei (KPCh), den Sozialismus noch das System der regionalen Autonomie in Frage.

Obwohl die tibetische Seite damit nicht nur ihr legitimes Recht auf Unabhängigkeit zugunsten einer einvernehmlichen friedlichen Lösung des Konflikts aufgegeben hat und sämtliche Einwände der chinesischen Seite widerlegt hat, weigert sich die chinesische Führung weiterhin den Vorschlag zu diskutieren.

Unterstützung aus China und der Welt

Am 5. Juni 2014 lancieren Kalon Dicki Chhoyang, Sikyong Lobsang Sangay und Minister Tashi Phuntsok (v.l.n.r.) in Dharamsala die „UMAYLAM: Middle Way Approach“-Kampagne.

„Ich bin weiterhin davon überzeugt,
dass die meisten menschlichen
Konflikte durch aufrichtigen Dialog,
durchgeführt in einem Geist der
Offenheit und Versöhnung, gelöst
werden können.“

Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama

Nach einem Treffen von US-Präsident Barack Obama mit dem Dalai Lama im Juli 2011 und im Februar 2014 lobte das Weiße Haus „den Einsatz des Dalai Lama für Gewaltlosigkeit und Dialog mit China und sein Beharren auf der Politik des Mittleren Weges“. 

Neben den USA haben viele weitere Regierungen ihre Unterstützung
für die Politik des Mittleren Weges erklärt, darunter Indien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und Neuseeland.

Intellektuelle und Künstler unterstützen den Mittleren Weg

Auch von chinesischer Seite erfährt die Politik des Mittleren Weges von Jahr zu Jahr mehr Unterstützung, u.a. durch Intellektuelle und Künstler wie Liu Xiaobo, den inhaftierten Nobelpreisträger und Koautor eines Offenen Briefes von 2008, der sich für die Unterstützung der Friedensinitiativen des Dalai Lama aussprach. Seitdem sind von chinesischen Wissenschaftlern und Schriftstellern über tausend Artikel und Kommentare verfasst worden, die einen Dialog zur Lösung der Tibet-Frage befürworten.

Die Kritiker

Die Politik des Mittleren Weges wird gerade auch angesichts des stockenden Dialogs und der Lage in Tibet innerhalb der tibetischen Exilgemeinschaft und von Wissenschaftlern lebhaft diskutiert und teilweise auch sehr kritisch gesehen. In unserem Schwerpunktartikel lassen wir einige der Kritiker zu Wort kommen. Hier ein Ausschnitt:

Jamyang Norbu: Der Referendums-Schwindel

(…) Man kann nicht ewig an einem gescheiterten Projekt festhalten.
Der „Mittlere Weg“ ist tot. Beijing hat ihn während 25 oder 27 verschiedener „Verhandlungen“ umgebracht.(...)"

Elliot Sperling: Selbsttäuschung

"(...) Einige seiner Beamten erzählten im Exil lebenden Tibetern im Vertrauen, mit seinem Vorschlag biete der Dalai Lama den Tibetern tatsächlich eine Rückkehr nach Tibet an, um von dort den Unabhängigkeitskampf fortzusetzen („wahnhaft“ scheint noch ein zu freundliches Wort für eine solche Vorstellung zu sein), während wieder andere, indem sie behaupteten, der Dalai Lama würde dem tibetischen Volk selbst die endgültige Entscheidung überlassen,
den verzweifelten Wunsch vieler Exiltibeter weiter anfeuerten, in all dem nicht das Ende eines Kampfes zu sehen, den sie jahrzehntelang gekämpft haben. Das war in der Tat ein Akt der Selbsttäuschung. (…)"

Lesen Sie den vollständigen Artikel "Der Mittlere Weg - eine diplomatische Gratwanderung" in unserem Magazin Brennpunkt Tibet.