Die ökologische Situation in Tibet

Flusstal in Tibet

Die Natur in den Höhenlagen zwischen 3.000 und 5.200 Metern ist besonders sensibel. Daher war es für die Tibeter über Jahrhunderte eine existentielle Notwendigkeit, sorgsam mit ihrem Land umzugehen. Zusätzlich förderte die buddhistische Ethik ein Leben im Einklang mit der Natur. So erließ etwa der 13. Dalai Lama im Jahr 1901 folgendes Dekret: „Niemand, sei er nun von hohem oder niedrigem Stand, soll einem Tier auf dem Lande, im Wasser oder in der Luft, wie groß oder klein es auch sein mag, Gewalt antun oder ihm Schaden zufügen.“

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Plünderung des Schatzhauses

Der chinesische Einmarsch in Tibet 1949/50 beendete den respektvollen Umgang mit der Natur. Seit jeher hatte China ein Auge auf Tibets reichhaltige Bodenschätze geworfen. Im kaiserlichen China nannte man Tibet daher Xizang, "Schatzhaus des Westens", und die Kommunistische Partei übernahm diesen Begriff.

Die Roten Garden der Kulturrevolution führten einen Feldzug gegen die Tierwelt Tibets. Seltene Tierarten wie Wildyaks, Schneeleoparden, Adler und Schwarzhalskraniche wurden bis an den Rand der Ausrottung gejagt. Heute ist die Jagd auf Antilopen besonders populär, auch unter jungen Tibetern, die schnelles Geld machen wollen.

Auch die großen Waldbestände im Osten Tibets sind seit der chinesischen Besetzung zur Hälfte abgeholzt worden. Folgen der Abholzung sind Erosion und Überschwemmungen, die sich bis ins chinesische Tiefland auswirken. Nach verheerenden Überschwemmungen am Mittellauf des Yangtse 1998 erließen die Behörden einen Abholzstopp, der den Einschlag erheblich eingedämmt hat. Offiziell werden zehn Prozent der abgeholzten Flächen wieder aufgeforstet, doch von den wieder angepflanzten Bäumen überleben nur etwa 30 Prozent.

In den Grassteppen haben die Nomaden mit ihren Herden seit Jahrhunderten für das ökologische Gleichgewicht gesorgt. Um die Produktion zu steigern, hat der Staat die Herden drastisch vergrößert, was zur Degradation des Graslandes geführt hat. Die chinesische Führung macht dafür unter anderem die Nomaden verantwortlich und nutzt die Entwicklung, um sie zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Beitrag zum Wirtschaftsboom

Mit dem Abbau ihrer Rohstoffe leisten die Tibeter einen unfreiwilligen Beitrag zum Wirtschaftsboom in China. Neben Holz verfügt Tibet über Gold, Uranerz, Kohle, Öl, Kalisalze, Lithium, Borax, Eisen, Kupfer und andere Metalle, die ohne Rücksicht auf ökologische Folgen zumeist im Tagebau abgebaut werden. In der Umgebung mancher Abbauhalden leiden die Menschen unter Hautausschlag, Atemerkrankungen und anderen Krankheiten, die früher unbekannt waren und teilweise tödlich verlaufen.

Auch Tibets enormes Wasserkraftpotential wird wirtschaftlich genutzt. Viele Staudämme in Osttibet liefern Energie nach China. Ein Pumpspeicherkraftwerk am heiligen Yamdrok-See südwestlich von Lhasa droht, so Umweltschützer, den See auszutrocknen.

Die Eisenbahn nach Lhasa, Foto: Henry Chen
Die Eisenbahn nach Lhasa

Neue Infrastrukturprojekte

Während die Ausbeutung der Bodenschätze bislang im internationalen Vergleich eher unbedeutend war, eröffnen sich mit dem Ausbau der Infrastruktur neue Möglichkeiten. Insbesondere mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie nach Lhasa im Jahr 2006 können nicht nur Touristen und chinesische Siedler in vorher unbekanntem Ausmaß ins Land, sondern auch Rohstoffe aus Tibet nach China verbracht werden. Ende 2008 fällt der Startschuss für ein Kupfer-Großprojekt in Chamdo, und der Baubeginn einer riesigen Gold- und Kupfermine bei Shigatse in Kooperation mit einem kanadischen Unternehmen steht zu diesem Zeitpunkt kurz bevor. Die Folgen für die Bevölkerung und die Umwelt sind noch nicht absehbar.

Die Eisenbahn durch Tibet stellt jedoch auch für sich eine besondere Gefährdung für die Ökologie dar. Die dünne sensible Humusschicht auf den Permafrost-Böden etwa ist im Bereich des Trassenbaus weitgehend zerstört worden. Der Tierschutz war beim Bau der Trasse ein reines Lippenbekenntnis – sie zerschneidet heute die Lebensräume vieler Tierarten. Schmale Unterführungen, die Tieren ein Passieren der Bahntrasse ermöglichen sollen, werden größeren Herden oftmals zum Verhängnis. Ungeachtet all dieser Probleme soll der Ausbau des Eisenbahnnetzes weiter vorangehen.

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