Sechstes Familienmitglied festgenommen

8. Juli 2010 TCHRD

Das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD)  verurteilt aufs Schärfste den unfassbaren Übergriff der chinesischen  Behörden auf Karma Samdrup und andere Mitglieder seiner Familie. Innerhalb  von weniger als einem Jahr wurden sechs Personen (drei Brüder und drei  Cousins) einer einzigen Familie festgenommen, verurteilt und, wie es  heißt, gefoltert - ein Vorgehen der Behörden, in dem man nur einen  offiziellen Vergeltungsakt für ihren Aktivismus sehen kann. Vier der sechs  Männer verbüßen Haftstrafen im Gefängnis oder in Lagern zur  Umerziehung-durch-Arbeit, während über den Verbleib und das Schicksal der  anderen zwei nichts bekannt ist.

Die fortgesetzten gezielten und unrechtmäßigen Angriffe der chinesischen  Regierung gegen diese Familie, die nur ihre grundlegenden Menschenrechte  friedlich ausübte, stellen eine ungeheuerliche Verletzung ihrer  Verpflichtungen gemäß ihrer eigenen Verfassung und dem Internationalen  Pakt über Bürgerliche und Politische Rechte dar. Außerdem stehen die  unmenschliche Behandlung und die systematische Verweigerung eines normalen  Gerichtsverfahrens in diesen Fällen in krassem Widerspruch zu der  chinesischen Strafprozessordnung sowie zu zahlreichen internationalen  Grundsätzen über die Behandlung von Gefangenen und ihr Recht auf einen  fairen Prozess.

Die Bedrängnis, in die diese Familie geriet, hat internationale  Aufmerksamkeit erweckt und ist besonders alarmierend, weil ihre Mitglieder  ja einst von der KPC als vorbildliche Tibeter gelobt wurden, die sich  bewusst von politischen Angelegenheiten fernhielten. Diese zielgerichtete  Verfolgung durch die chinesischen Behörden ist besorgniserregend, denn sie  lässt einen Trend zu harter Bestrafung eines jeden, der ihre Autorität auch  nur im geringsten herausfordert, erkennen.

Die Probleme der Familie begannen, als Jigme Namgyal (38) und Rinchen  Samdrup (44), zwei Brüder, die in ihrem Dorf im Bezirk Gonjo, Präfektur  Chamdo, TAR, eine preisgekrönte Umweltorganisation führten, einen lokalen  Polizeichef der Wilderei von gefährdeten Tierarten bezichtigten. In einem  eklatanten Vergeltungsschlag nahm die chinesische Polizei am 7. August  2009 Jigme und Rinchen fest. Im November 2009 wurde Jigme, der behindert  ist, zu 21 Monaten Umerziehung-durch-Arbeit wegen "Schädigung der sozialen  Stabilität" verurteilt. Jigmes Vergehen war das illegale Zusammentragen  von Informationen über Umweltprobleme, die er angeblich an die Dalai  Clique weiterreichte. Das chinesische System der Umerziehung-durch-Arbeit  wurde international wiederholt scharf kritisiert, weil in Verletzung  zahlreicher internationaler Normen die Angeklagten ohne einen ordentlichen  Prozess oder eine Verteidigung vor Gericht verurteilt werden.  Menschenrechtsexperten führen die Anklagen gegen Jigme Namgyal eher  darauf, dass sie die Lokalbehörden potentiell in Verlegenheit hätten  bringen können, als auf eine Bedrohung der nationalen Sicherheit zurück.

Am 3. Januar 2010 wurde Jigmes älterer Bruder Karma Samdrup, ein  prominenter Geschäftsmann und mehrfach ausgezeichneter Philanthrop,  bekannt als der König der himmlischen Perlen, unter der fälschlichen  Anklage der Grabräuberei inhaftiert. Die Festnahme erfolgte kurz nachdem  er sich zugunsten seiner inhaftierten Brüder eingesetzt hatte. Er hatte  sie in der Haftanstalt besucht, wo sie ihm von den entsetzlichen  Misshandlungen erzählten, die sie durchmachten. Die Anklagen gegen Karma  beziehen sich auf seinen Kauf von Artefakten in Xinjiang 1998. Damals  nahmen die Behörden die Beschuldigung jedoch recht bald aus Mangel an  Beweisen wieder zurück und außerdem, weil Karma eine Lizenz zum Handel mit  solchen Gegenständen besaß. Das Wiederaufrollen der Anklage ein Jahrzehnt  später kann nur als ein offizieller Racheakt gesehen werden, weil Karma  sich zur Verteidigung seiner Brüder geäußert hatte.

Nach sechs Monaten Untersuchungshaft, in der er vielmals geschlagen und  gefoltert wurde, verurteilte ein Gericht in Xinjiang am 24. Juni 2010  Karma zu 15 Jahren Gefängnis und dem Verlust der politischen Rechte für  weitere fünf Jahre.

Karmas Prozess war reich an Regelwidrigkeiten und wurde von  Menschenrechtsbeobachtern allerorten kritisiert, weil die Normen von  Chinas eigener Strafprozessordnung dabei in jeder Weise verletzt wurden.  Das Recht auf Besuche wurde Karma verweigert, ja nicht einmal seinen  Anwalt durfte er sechs Monate lang nach seiner Verhaftung treffen. Karmas  einziges Zusammentreffen mit seinen Anwälten fand am Vorabend der  Gerichtsverhandlung statt. Es dauerte nur 30 Minuten und die ganze Zeit  über waren Polizeibeamte in dem Zimmer zugegen. Die Beweise wurden  gefälscht, ein mysteriöser Zeuge erschien plötzlich am zweiten Tag der  Verhandlung und der Richter verweigerte, sich mit Karma Samdrups Aussagen,  er sei in den sechs Monaten Untersuchungshaft geschlagen und mit  chemischen Substanzen betäubt worden, auch nur zu befassen. Das Gericht  ignorierte die Tatsache komplett, beugte das Recht nach seinem Gutdünken  und verletzte Karmas Menschenwürde, sagte sein Anwalt Pu Zhiqiang. Die  Auffassung des Gerichtes zu Karmas Fall war in chinesischer Sprache  bereits ein paar Stunden nach dem Urteil verfügbar, was nahe legt, dass die  Entscheidung bereits vorher eine beschlossene Sache war, wie ein  Beobachter von Human Rights Watch bemerkte.

Am 3. Juli 2010, zehn Tage nach Karmas Schuldigsprechung, verurteilte das  Mittlere Volksgericht von Chamdo den Umweltschützer Rinchen Samdrup zu  fünf Jahren Gefängnis unter der Anklage der Aufhetzung zur Spaltung des  Landes, weil er einen Artikel über den Dalai Lama auf seine Website  gesetzt habe. Rinchens Angehörige durften ihn nicht besuchen und sein  Anwalt Xia Jun konnte ihn, seit er im Januar das erste Mal vor Gericht  gestellt wurde, nicht mehr treffen.

Die Cousins der Brüder wurden in den letzten Monaten auch zur Zielscheibe  der offiziellen Vergeltungspolitik der Behörden. Nachdem er eine Gruppe  von Leuten organisiert hatte, um in Peking zugunsten von Rinchen Samdrup  eine Petition vorzutragen, wurde Sonam Choephel zu eineinhalb Jahren  Umerziehung-durch-Arbeit verurteilt. Im März 210 wurde Rinchen Dorjee, ein  buddhistischer Mönch, der gerade in Klausur war und in einer Höhle  meditierte, unter vagen und nicht näher spezifizierten Beschuldigungen  festgenommen. Über seinen Verbleib und sein weiteres Schicksal weiß man  nichts.

Am 5. Juli 2010 wurde ein sechstes Mitglied der Familie Samdrup  willkürlich seiner persönlichen Freiheit beraubt. Tashi Topgyal, ein  Tibetischlehrer Anfang Dreißig, wurde von einem Dutzend chinesischer  Sicherheitskräfte in einer Privatwohnung in Lhasa festgenommen. Er war  dorthin gereist, um etwas über den Verbleib von Rinchen Dorjee  herauszufinden. Angeblich habe er ihn in einem Hospital in Xinjiang  ausfindig gemacht. Die chinesische Polizei erklärte, die Verbrennungen,  deretwegen er dort behandelt wird, seien den Schlägen mit den elektrischen  Schockern zuzuschreiben, mit denen er bei einem Fluchtversuch traktiert  wurde.

Einige Analysten sind der Ansicht, dass die staatliche Verfolgung der  Samdrup-Familie eher von den lokalen Behörden ausgehe als von der  Zentralregierung in Peking. Dennoch ruft das TCHRD die chinesische  Regierung auf, die Fälle von Karma Samdrup, Jigme Namgyal, Rinchen  Samdrup, Sonam Choephel, Rinchen Dorjee und Tashi Topgyal zu untersuchen,  da sie in keiner Weise dem Standard eines normalen Prozesses Genüge tun,  weder nach dem chinesischen noch nach dem internationalen Gesetz.

Die missliche Lage der Familie zeigt, wie hohl die Beteuerungen der  chinesischen Regierung über einen bemerkenswerten Fortschrift bei der  Verbesserung ihres Rechtssystems sind. Das TCHRD ruft die chinesische  Regierung auf, sich an ihre eingegangenen Verpflichtungen im Hinblick auf  die bürgerlichen und politischen Rechte in dem kürzlich verkündeten  Nationalen Menschenrechts-Handlungsplan 2009-2010 zu halten. Das Zentrum  erachtet diese Justizirrtümer angesichts von Chinas neuen Gesetzen über  die Unzulässigkeit von Beweismaterial unklaren Ursprungs und von  Geständnissen, die durch Folter und Einschüchterung erlangt wurden, als  besonders beunruhigend. Diese Fälle erwecken Zweifel an der Wirksamkeit  von Chinas Verpflichtung, seine Menschenrechtsbilanz zu verbessern.

Quelle: TCHRD

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching

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